625 Jahre Biesdorf
am 27. Mai 2000
Anlässlich der urkundlichen Ersterwähnung von Biesdorf vor 625 Jahren und Marzahn vor 700 Jahren begingen die Marzahner in diesem Jahr mit einer Vielzahl interessanter Veranstaltungen die Jubiläen der Dörfer ihres Stadtbezirks.
Am 19. November 1300 wird Marzahn das erste Mal in einer Urkunde des Markgrafen Albrecht III. erwähnt. Biesdorf wird erstmals 1375 im Landbuch des Kaiser Karl IV. genannt.
Biesdorf ist im Landbuch als "Bystersdorf" und "Bistersdorft", Marzahn als "Murtzane" bzw. "Mortzan" vermerkt.
Der Förderverein für das Bezirksmuseum Marzahn hat bereits im Jahre 1998 begonnen, die heimatgeschichtliche Arbeit im Bezirk auf die Vorbereitung der Dorfjubiläen zu konzentrieren. Von vornherein wurde großer Wert darauf gelegt, Marzahner Vereine, Schulen Unternehmen und die Kirchen in die Vorbereitung der Jubiläen einzubeziehen.
Große Unterstützung wurden durch die Festkomitees des Bezirksamtes gewährt.
Die Vorbereitung und Durchführung der Dorfjubiläen führte zu einem deutlichen Zuwachs des allgemeinen Interesses an der Geschichte der Dörfer und des Stadtbezirkes. Die Jubiläen und die begleitenden Veranstaltungen - die Ausstellungen des Bezirksmuseums, Vorträge, Führungen, die historischen Festumzüge, das wieder begangene Blütenfest in Biesdorf und das Erntefest in Marzahn trugen viel zur lebendigen Vermittlung der Geschichte des Stadtbezirks bei.
Unter dem Leitgedanken, "Geschichte braucht Zukunft - Zukunft braucht Geschichte" organisierte der Förderverein für das Bezirksmuseum Marzahn zusammen mit der Volkshochschule Marzahn im Rahmen der Dorfjubiläen Tage der Regional- und Heimatgeschichte.
Der Förderverein beabsichtigt mit diesen populärwissenschaftlichen Veranstaltungen eine Tradition der heimatgeschichtlichen Arbeit im Bezirk zu begründen.
Im Mittelpunkt des Biesdorfer Tages standen Beiträge zur Entwicklung des Dorfes im letzten Jahrhundert, ein Blick auf die Gegenwart und die Zukunft.
Der Marzahner Tag der Regional- und Heimatgeschichte beschäftigte sich vor allem mit der Siedlungsgeschichte Marzahns darunter auch mit dem Bau der Großsiedlung und der Errichtung von 60.000 Wohnungen im Zeitraum 1977 - 1989.
Das gewachsene Interesse an der Geschichte der Dörfer sowie neue Erkenntnisse, die in Vorbereitung der Jubiläen gewonnen wurden, spiegeln sich in Publikationen mit einer Vielzahl interessanter Beiträge wider.
Die ausgewählten Beiträge sollen einen lebendigen Eindruck von der Geschichte des Stadtbezirks und seiner Dörfer sowie der in industrieller Bauweise errichteten Großsiedlung Marzahn vermitteln.
Daniela Schnitter: Der Bezirk Marzahn - Skizzen zur geschichtlichen Entwicklung [126 KB]
700 Jahre Marzahn
am 04. November 2000
Beiträge
Kai Schirmer/René Bräunig: 9000 Jahre Geschichte unter den Füßen
Ein Blick in die Vergangenheit
Das umfangreiche Baugeschehen in Berlin stellt die archäologische Denkmalpflege ständig vor neue Anforderungen. Die Erschließung großer Flächen für die verschiedensten Bauvorhaben betrifft regelmäßig Bodendenkmäler, die ältesten Zeugnisse menschlichen Wirkens. Das Berliner Landesdenkmalamt entscheidet in solchen Fällen nach fachlichen Gesichtspunkten, in welchem Umfang diese Bodendenkmale vor der Zerstörung untersucht werden.
Eine solche Situation war auch bei der geplanten Erbauung des neuen Wohngebiets Biesdorf-Süd im Berliner Stadtbezirk Marzahn gegeben. Die Bauarbeiten bedrohten den Bestand mehrerer Fundplätze. Aus diesem Grund wurden auf den akut gefährdeten Fundplätzen 1297 und 1298 durch das Berliner Landesdenkmalamt archäologische Voruntersuchungen zur Klärung der räumlichen Ausdehnung und des Erhaltungszustandes der archäologischen Substanz durchgeführt. Bei diesen Voruntersuchungen wurden Befunde und Fundmaterial verschiedener ur- und frühgeschichtlicher Epochen angetroffen, das zeitliche Spektrum des Fundmaterials reichte von der Jungbronzezeit bis in die Ältere Römische Kaiserzeit.
Das Landesdenkmalamt entschied aufgrund dieser Ergebnisse, auf vier Teilflächen im Bereich der Fundplätze 1297 und 1298 eine archäologische Ausgrabung durchführen zu lassen.
Die Bedingungen für die Untersuchungen waren äußerst günstig. Ein Teil der zu untersuchenden Flächen war bereits seit den 30er Jahren nicht mehr landwirtschaftlich genutzt und die im Untergrund vorhandene archäologische Substanz damit nicht durch das später einsetzende Tiefpflügen beeinträchtigt worden. Die Errichtung eines Militärstandortes im Bereich des Fundplatzes 1298 entzog das Areal anderer Nutzung und bewahrte trotz punktueller Bodeneingriffe den Fundplatz in ungewöhnlich gutem Zustand.
Schließlich zeigte sich der Bauherr, die Deutsche BauGrund AG, als kooperativer Partner, der die archäologischen Forschungen in hervorragender Weise unterstützte.
Die Ausgrabungen begannen im Juli 1999. Nach fast einjähriger Dauer konnten die Feldarbeiten im Juni 2000 abgeschlossen werden. Insgesamt wurden ca. 25.000 m⊃2; untersucht.
Die Untersuchungen belegen die älteste Begehung des Geländes bereits während des Mesolithikums (Mittelsteinzeit) vor etwa 9000 Jahren. Aus dieser Zeit stammen einige charakteristische, aus Feuerstein gefertigte Beile und sogenannte Mikrolithen, hierbei handelt es sich um sehr kleine, sorgfältig zugearbeitete Feuersteinartefakte. Ein Geröllgerät mit beidseitigen Pickmulden (als Nussknacker bezeichnet) ragt aus dem Fundmaterial heraus. Die mittelsteinzeitlichen Funde ergänzen das bereits vorliegende Material an Altfunden, zu denen auch die bekannte, bei Flussregulierungsarbeiten an der Brücke Heesestraße in den 50er
Jahren gefundene Hirschmaske zählt.
Zu einer dauerhaften Besiedlung kam es im Untersuchungsgebiet jedoch erst ab etwa 1000 v. Chr. während der jüngeren Bronzezeit.
Neben zahlreichen Siedlungsresten in Form von Vorrats- und Abfallgruben sowie Feuerstellen konnten die Grundrisse von zwei Gebäuden in Pfostenbauweise nachgewiesen werden.
Die landwirtschaftliche Nutzung des Geländes durch die Menschen der ausgehenden Bronzezeit lässt sich eindrucksvoll an den Ablagerungen im Hangbereich des Wuhletals belegen. In jener Zeit kam es zu mächtigen Ablagerungen, sogenannten Kolluvien. Die Ablagerungen bestehen aus verlagertem Erdmaterial von oberhalb des Hanges gelegenen Bereichen. Voraussetzung für diesen Erosionsvorgang ist eine weitgehend offene und der Bodenvegetation beraubte Landschaft. Wir können vermuten, dass sich in dieser Erscheinung die intensive Geländenutzung jener Zeit widerspiegelt, welche durch Abholzung, Ackerbau und Viehzucht die Landschaft veränderte.
Die in der Wuhleniederung lagernden Torfe, die sich teilweise in Wechsellage mit den kolluvialen Ablagerungen befinden, geben durch die in ihnen erhaltenen Pollen eine Aussage über den Wechsel des Vegetationsbildes. Die Analyse des Probenmaterials, welche durch das Institut für Ökologie der Technischen Universität Berlin durchgeführt wird, wird Auskunft darüber geben, wie weit der Mensch bereits in urgeschichtlicher Zeit in die Umwelt eingegriffen hat.
Bereits während der Untersuchungen zeigte sich, dass auf den Grabungsfeldern an der Straße Habichtshorst Spuren germanischer Siedlungen der Vorrömischen Eisenzeit (ca. 600 vor Chr. bis Beginn der Zeitrechnung) und der Älteren Römischen Kaiserzeit (Beginn der Zeitrechnung bis ca. 180 n. Chr.) in außergewöhnlicher Erhaltungsqualität vorlagen.
Es konnte eine deutliche Strukturierung des Siedlungsareals festgestellt werden. Getrennt von den Wohnbereichen lag eine vorwiegend handwerklich genutzte Zone im Uferrandbereich der Wuhle. Dem Wuhlelauf folgend gruppierten sich in unregelmäßiger Folge Brunnen und verschiedenste technische Anlagen. Zu letzteren gehören Gruben mit teilweise aufwendig gestalteten hölzernen Einbauten.
Die funktionale Deutung dieser Anlagen kann bislang lediglich vermutet werden. Denkbar sind Nutzungen als Loh- und Schlämmgruben oder Kühlvorrichtungen. Erkenntnisse über die Nutzung der Anlagen lassen naturwissenschaftliche Analysen der Grubeninhalte erhoffen.
Den Befund einer eisenzeitlichen Teerschwele, in der als Auffangvorrichtung ein Tongefäß Verwendung fand, unterscheidet in Aufbau und Funktion nichts von gleichartigen noch im Mittelalter angelegten Teerschwelen.
Ein Brunnen in Korbgeflechtbauweise war von zahlreichen Pfostensetzungen umgeben, die auf eine Überdachung hindeuten. Hinweise auf Schutzbauten traten auch bei den erwähnten technischen Anlagen auf. Die Hölzer eines Kastenbrunnens konnten dendrochronologisch datiert werden. Als jüngstes Fälldatum - im Brunnen wurden einige offenbar sekundär genutzte Hölzer verbaut - konnte das Jahr 94 n. Chr. ermittelt werden. Ein weiteres Dendrodatum für das Jahr 88 n. Chr. ergab sich für den hölzernen Einbau einer Grube.
Für die Vorratshaltung von Getreide dienten ein möglicherweise eingehegtes Areal mit Speichergruben sowie erhöht angelegte Speichergebäude, deren typische Pfostensetzungen ebenfalls belegt werden konnten. Inmitten der Untersuchungsfläche wurden zwei Öfen freigelegt, von denen sich einer als hervorragend erhaltener Kalkbrennofen erwies. Er wurde nach Abschluss der Untersuchungen vom Museumspark Rüdersdorf im Block geborgen. Der Ofen wird als archäologischer Beleg für die urgeschichtliche Brandkalkherstellung im Rahmen des Expo-Projekts "Zement zwischen zwei Jahrtausenden" gezeigt. Die Thermolumineszenz-Datierung ergab für diesen Ofen einen Mittelwert von 16 vor Christus. Der zweite Ofen, dessen Thermolumineszenz-Datierung einen Mittelwert von 1 n. Chr. lieferte, wurde wahrscheinlich als Töpferofen genutzt.
Bislang in Nordostdeutschland einmalig sind zwei Gebäudegrundrisse mit umlaufenden Wandgräbchen in einer Ausdehnung von ca. 5 x 15 m. Über die Gebäudespuren und das unmittelbare Umfeld wurde ein Probenraster gelegt und Proben für Phosphatanalysen entnommen. Die Auswertung des Probenmaterials soll Aufschluss über die Art der Nutzung dieser Gebäude bringen. Die Analyse der Bodenproben erfolgt durch das Institut für Pflanzenbauwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.
Zahlreiche Pfostensetzungen deuten auf Bebauungsstrukturen, über deren Charakter erst die Auswertung der Grabungsergebnisse Aufschluss geben kann. Während der Untersuchungen traten mehrfach Hinweise auf Gräben mit eingesetzten kleinen Pfosten auf, die als Zäune gedeutet werden könnten.
Das geborgene Fundmaterial wird von Keramik dominiert. Als Beispiel germanischer Sakralkeramik kann der Fuß eines Pokals gelten, dessen Boden eine Rollrädchenverzierung in Form eines Hakenkreuzes aufwies. Eine Anzahl von Spinnwirteln verschiedener Form und Webgewichte komplettieren das keramische Fundmaterial.
Eine Bronzefibel (Gewandschließe) mit angegossenem Schlussstück deutet auf Verbindungen mit dem keltisch beeinflussten Raum Mitteldeutschlands. Erwähnenswerte Metallfunde sind weiterhin ein eiserner Pfriem sowie eine Nadel mit doppelkonischem Kopf aus der Vorrömischen Eisenzeit.
Zu den typischen Siedlungsfunden aus Stein gehören eine größere Anzahl von Klopfsteinen und Läufern, Bruchstücke einer Reibemühle, Schleifsteine mit vierkantigen Querschnitt sowie ein Spielstein. Unter dem geborgenen Knochenmaterial, dessen Auswertung vom Deutschen Archäologischen Institut vorgenommen wird, fand sich ein Spielstein, welcher mittels Durchbohrung eines Wirbels hergestellt wurde. Zu den schönsten Einzelfunden gehört eine Knochennadel mit Punkt-Augen Verzierung, die sich in einer kaiserzeitlichen Feuerstelle erhalten hatte. Die bislang analysierten Knochenfunde zeigen neben dem typischen Haustierspektrum Rind und Schaf/Ziege einen überdurchschnittlichen Wildanteil, darunter Rotwild, Ur und Braunbär.
Die Funde von Eisenschlacken berechtigen zu der Annahme, dass innerhalb der Siedlung Eisen verhüttet wurde. Am mittleren Wuhlelauf fanden sich die Voraussetzungen sowohl für die Eisengewinnung als auch für die Herstellung von Branntkalk, da hier Wiesenkalke und Raseneisenerze zur Verfügung standen.
Noch während der Älteren Römischen Kaiserzeit kam es, vermutlich kurz nach Beginn des 2. Jahrhunderts, zur Aufgabe der Siedlung an der Wuhle.
Dr. Heinz Seyer
Marzahn in ur- und frühgeschichtlicher Zeit
Bereits im Jahre 1976, also noch vor der Gründung des Stadtbezirks, begann das Märkische Museum mit archäologischen Untersuchungen auf dem Territorium der ehemaligen Gemarkung Marzahn. War hier bis zum Jahre 1945 nur eine ur- und früh-geschichtliche Fundstelle bekannt, sind dank der systematischen Oberflächenabsuche durch haupt - und ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger nunmehr 21 Fundplätze von Siedlungen, Gräberbildern und Einzelfunden bekannt. Auf dem unmittelbar von der Bebauung betroffenen Gebieten fanden vorsorglich größere archäologische Ausgrabungen statt. In erster Linie handelte es sich um germanische und slawische Wohnplätze, wobei öfters an demselben Platz eine Mehrfachbesiedlung nachweisbar war, wie zum Beispiel im Umkreis des ehemaligen Rohrpfuhls westlich des Blumberger Damms / Ecke Kienbergstraße oder an den Hängen des Langen Kienberges. Am Fuße des Langen Kienberges befand sich am Südwesthang eine frühslawische Siedlung (8.-9. Jh. n. Chr.), auf dem Horst in der Wuhleniederung an der Südostseite des Berges eine spätslawische Siedlung des 11.-12.Jh. n. Chr. Auf letzterem Fundplatz fand eine Ausgrabung statt. Hier kamen auch germanische Funde zu Tage. Das Hauptaugenmerk der Archäologen beanspruchte jedoch das Rohrpfuhlgelände, weil nach der Voruntersuchung hier für die Forschung die meisten Ergebnisse zu erwarten waren. Die archäologischen Forschungen am ehemaligen Rohrpfuhl erstreckten sich insgesamt auf eine Fläche von 10000 Quadratmeter.
Abgesehen von geringen jungsteinzeitlieben Besiedlungsspuren (3.Jt. v.Chr.) konnten südlich des Rohrpfuhls folgende Besiedlungsperioden festgestellt werden:eine frühgermanische Siedlung, 5.- 1. Jh. v. Ch.
eine spätgermanische Siedlung, 3.-5. Jh. n.Chr.
eine frühslawische Siedlung, 7.- 8.Jh. n. Chr.Die meisten Siedlungsspuren rühren von der frühgermanischen Siedlung her. Die Ergebnisse der Ausgrabungen gestatten einen umfassenden Einblick in die Struktur einer bäuerlichen Dorfanlage dieser Zeit.
Nach dem Grabungsbefund existierte am Rohrpfuhl in den Jahrhunderten v. Chr. eine kleine Siedlungsgemeinschaft von etwa drei Höfen. Von einem Dorf in unserem heutigen Sprachgebrauch kann also nicht gesprochen werden. Auch ließ sich nicht klären, ob eine durchgehende Siedlungskontinuität über alle Jahrhunderte bestanden hat.
Ein Gehöft bestand in germanischer Zeit aus einem ebenerdigen größeren Langhaus (zirka 20 Meter), dessen konstruktive Teile aus einer Mittelpfostenreihe im Inneren (sogenannter Firstsäulenträger) und zwei Wandpfostenreihen bestanden. Die Wände waren aus lehmverputztem Flechtwerk. Zu jedem Langhaus gehörten zwei bis drei Kleinbauten (zirka fünf Meter), die als Wirtschaftsbauten zu deuten sind.
Im Randbereich der Siedlung; fanden sich noch je ein Backofen wovon nur die Bodenplatte aus Lehmestrich erhalten war. Eine größere Anzahl von Abfallgruben begleiteten die Bauten.
Von den handwerklichen Tätigkeiten konnten Töpferei, Eisenverarbeitung und Bronzeguß nachgewiesen werden. Aus dem umfangreichen Fundgut sollen-neben der Keramik-eiserne Nadeln, Messer, Gürtelhaken, Fibeln (Spangen zum Schließen eines Gewandes) aus Bronze und Eisen, Bronzeanhänger, segelförmige Bronzeohrringe und Knöpfe genannt werden.
In der Siedlung hielt man Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen. Als Nutzpflanzen wurden Gerste, Weizen und Hafer angebaut.
Nur 250 Meter entfernt fand sich ein Urnengräberfeld. Mehr als 30 Bestattungen konnten freigelegt werden.
Die Siedlungsspuren des 3. bis 5. Jh. n. Chr. waren nicht allzu zahlreich, verteilten sich aber über die gesamte Grabungsfläche.
Sechs ebenerdige Hausgrundrisse, vier eingetiefte Bauten (sogenannte Grubenhäuser), mehrere Kalkbrennöfen, Herdstätten sowie ein in Blockhautechnik gefügter Holzbrunnen konnten freigelegt werden.
Zur Datierung dieser spätgermanischen Siedlung dienten typische Tonwaren wie Kümpfe , Töpfe und Schalen, die ausnahmslos auf den Rest einer scheibengedrehten Schale handgetöpfert waren. Im Brunnen fanden sich eine Holzschale und mehrere Kienholzfackeln.
Der dritten Periode der Besiedlung am Rohrpfühl aus der frühen Slawenzeit lassen sich 50 Siedlungsobjekte zuweisen.
Es handelt sich größtenteils um längliche Siedlungsgruben, in denen umfangreiches Keramikmaterial lag. In der Restaurierungswerkstatt konnten sechs weitmündige Töpfe mit s-förmigem Profil aus den Scherben rekonstruiert werden.
Hausgrundrisse waren nicht nachzuweisen. Möglicherweise gab es in der frühen Slawenzeit nur Blockbauten die keine Eintiefung in den Boden nötig machten.
Sehr bedeutungsvoll war die Entdeckung von zwei slawischen Brunnenanlagen. Der erste Brunnen bestand aus Kiefernhölzern, der zweite war aus Eichenholz. Die Hölzer erhielten sich noch bis zu einer Höhe von einem Meter und konnten für Ausstellungsvorhaben geborgen werden. Es handelte sich um Kastenbrunnen mit vier Eckpfosten. Die Eckpfosten wiesen Nutzbahnen auf in denen die Bohlen der Seitenwände eingelassen waren.
Der zweite slawische Brunnen saß direkt auf dem spätgermanischen Brunnen auf, eine bisher einmalige Entdeckung. Die Bohlen und Eckpfosten zeugen von hohem Können der slawischen Zimmerleute.
Die in dem zweiten slawischen Brunnen gefundenen Gegenstände bereichern in willkommener Weise die Kenntnisse über die Verwendung von Holzgeräten in Haushalt und bäuerlicher Werkstatt (Schlagkeule, Daubeneimer, Baumrindengefäß, Ruderblatt, Sichel bzw. Messergriffe).
Das Fundmaterial der frühslawischen Siedlung von Marzahn gehört - zusammen mit solchem in unmittelbarer Nähe (Hellersdorf) und in der weiteren Umgehung - zum ältesten Fundniederschlag, der die Einwanderung slawischer Siedler dokumentiert. Die Funde deuten als Einwanderungsrichtung die Gebiete östlich der Oder an. Es fällt auf, dass die Slawen sich in jenen Siedlungsgefilden niederließen, die vorher von Germanen bewohnt waren.
Die germanischen Siedlungsräume mit ehemals dichter Besiedlung hatten sich sehr ausgedünnt, weil der Germanenstamm der suebischen Semnonen zwischen Elbe und Oder mit in den Sog der Völkerwanderung gezogen worden war.
Germanische Funde lassen sich bis in das 6. Jh. n. Ch. nachweisen. Die Entdeckung der direkt übereinanderliegenden spätgermanischen und frühslawischen Brunnen in Marzahn wirft die Frage germanisch-slawischer Kontakte auf.
Wenngleich die dendrochronologische Untersuchung (Zeitbestimmung durch die Jahresringabfolge an vor- und frühgeschichtlichen Holzresten der Brunnenhölzer den unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang bisher nicht bestätigen konnte, dürfte die vielfache Übereinstimmung zwischen frühslawischen und spätgermanischen Siedlungs-gebieten kein Zufall sein.
Auch die Sprachwissenschaft weist auf die Übernahme germanischer Gewässernamen durch die Slawen hin. Das trifft auch für die Namen der beiden slawischen Stämme Sprewanen und Heveller in unserem Raum zu, die auf die germanischen Namen der Flüsse Spree und Havel zurückgehen.
Christa Hübner
Dorfanfänge
Wie alt Biesdorf und Marzahn tatsächlich sind, wissen wir nicht. Doch wurden sie wohl im 13. Jahrhundert im Zuge der Eroberung des Barnim durch die aus dem Raum Ballenstedt stammenden Askanier gegründet.
Bestrebungen, das von Slawen bewohnte Gebiet östlich der Elbe in den deutschen Machtbereich einzugliedern, gab es schon im 10. Jahrhundert. 928/29 nahm ein deutsches Heer unter König Heinrich I. (919-936) das Gebiet der slawischen Heveller und deren Burgenmittelpunkt, die Brennaburg (Brandenburg), in Besitz. 948 wurde das Bistum Brandenburg geschaffen. Doch die deutsche Herrschaft war nicht dauerhaft. Nach einem großen Aufstand 983 wurde die Brandenburg wieder slawisch. 1157 eroberte der askanische Markgraf Albrecht, genannt der Bär (gest. 1170), die Brandenburg zurück. 1134 war er mit der Nordmark, d.h. der Altmark und den angrenzenden Territorien östlich der Elbe, belehnt worden. Dieses Gebiet bildete dann die Ausgangsbasis für weiteren Landgewinn im Osten.
Im Barnimer Raum stießen die Interessen der Askanier mit denen der sächsisch-wettinischen Markgrafen und der Erzbischöfe von Magdeburg sowie der slawischen Pommernherzöge zusammen. Seit etwa 1230 befand sich dieses Territorium vollständig in der Hand der Askanier. Um die Eroberungen dauerhaft zu sichern, forcierten die neuen Herren den Landesausbau. Deutsche Bauern, Handwerker und Kaufleute wurden angesiedelt, Städte und Dörfer gegründet. Die Siedler kamen wohl vor allem aus westdeutschen Territorien, wo viele Höfe durch Erbteilung immer kleiner geworden waren und kaum das Auskommen sicherten. So manchen bewog auch die Lust auf einen völligen Neuanfang, sich in den eroberten Gebieten eine Heimat zu suchen. Die ansässige slawische Bevölkerung wurde - sofern sie nicht den Kämpfen zum Opfer fiel - in einem langen Prozess assimiliert.
Auch die Mehrzahl der Dörfer auf dem Barnim, darunter Biesdorf und Marzahn, wurden in dieser Zeit, d.h. nach 1230, gegründet. Zum Zeitpunkt, an dem sie erstmalig in einer der wenigen überlieferten Urkunden vorkommen, existierten Biesdorf und Marzahn daher schon geraume Zeit. Marzahn wird das erste Mal am 19. November 1300 erwähnt, als Markgraf Albrecht III. (1284-1300) den Nonnen des Zisterzienserinnenklosters Friedland (heute: Alt-Friedland) in "Morczane" einen Besitz von drei Hufen beurkundete. Bei Biesdorf fallen die Dorfgründung und der erste Beleg für dessen Bestehen zeitlich noch weiter auseinander. Das Dorf erscheint erstmals im Landbuch von Kaiser Karl IV. (1346-1378) aus dem Jahre 1375. In diesem Landbuch ließ Karl IV., der seit zwei Jahren Herr der Mark Brandenburg war, eine Übersicht über seinen neuen Besitz anfertigen. Bisdorf ist im Landbuch als "Bystersdorff" und "Bisterstorff", Marzahn als "Murtzane" bzw. "Mortzan" verzeichnet.
Für die Herkunft der Namen "Biesdorf" und "Marzahn" gibt es mehrere Deutungen. Marzahn ist wahrscheinlich slawischen Ursprungs und bezeichnet einen Ort an einem Sumpf. Möglicherweise geht der Name auch auf die Göttin der Wintersonne, der Kälte und des Todes zurück. Der Ortsname Biesdorf hingegen ist möglicherweise mittelniederdeutschen Ursprungs und könnte von "bister" = verwirrt, verworren, verwildert herstammen. Auch eine Ableitung von dem Personennamen Bister, d.h. Dorf des Bister, ist denkbar. Marzahn und Biesdorf entstanden an militärisch und für den Handel bedeutsamen Wegen, die wohl im Zuge der askanischen Eroberung angelegt wurden. Marzahn lag an der von Berlin nach Alt-Landsberg und weiter nach Strausberg führenden Straße, Biesdorf an der wichtigen Fernverbindung zwischen Berlin und Frankfurt/Oder.
Marzahn und Biesdorf wurden wie die meisten Dörfer im heutigen Berliner Raum als Hufendörfer angelegt. Die Gründung solcher Dörfer erfolgte unter Leitung eines Beauftragten des Landesherrn, des Lokators. Zuerst wurde das Land vermessen und gerodet, dann die Gemarkung in Hufen aufgeteilt. Biesdorf hatte nach dem Landbuch Karls IV. 62, Marzahn 52 Hufen. Damit lag Marzahn im, Biesdorf über dem Durchschnitt der Barnimer Dörfer, der 53 Hufen betrug.
Die Bauern erhielten Anteil am Hufenland, für das sie Abgaben und Dienste leisten mussten und das sie vererben konnten (Erbzinsrecht). Mit den Neusiedlern kam auch die christliche Religion ins Dorf. Es wurden nicht nur Kirchengebäude errichtet, Kirche und Pfarrer besaßen auch einige Hufen Landes. In Biesdorf und Marzahn waren das jeweils eine für die Kirche und vier für den Pfarrer.
Das gesamte Hufenland wurde in drei große Felder eingeteilt, von denen im Wechsel je eines mit Winter- und Sommergetreide bestellt wurde bzw. brach lag. Diese Dreifeldwirtschaft war die vorherrschende Form des Feldbaus in Deutschland bis ins 18. Jahrhundert. Jedes Feld war in so viele Streifen eingeteilt, wie das Dorf Hufen hatte, d.h. 62 in Biesdorf und 52 in Marzahn. Wer mehr als eine Hufe besaß, verfügte über mehrere Streifen, die oft nicht zusammen lagen. Diese Gemengelage genannte Feldeinteilung erforderte - da es keine Wege zwischen den Streifen gab - eine zeitlich gemeinsame Bestellung der Felder und der Ernte (Flurzwang). Kossäten hatten, wenn überhaupt, nur Anteil an den außerhalb der drei Hauptfelder gelegenen Beiländern. Hauptanbauprodukte waren Roggen, Gerste und Hafer, wobei der Roggen dominierte. Die Erträge waren - gemessen an heutigen Maßstäben - gering. Noch im 18. Jahrhundert war die Gewinnung des Drei- bis Vierfachen der Aussaat normal.
Sowohl Biesdorf als auch Marzahn wurden als Angerdörfer angelegt. Kennzeichnend dafür ist der spindelförmige Anger, um den die Straße herumführt. Die Gehöfte gruppieren sich an beiden Seiten der Straße. Die Lage eines Hofes widerspiegelte die soziale Hierarchie im Dorf. Gutshöfe, soweit vorhanden, und die Gehöfte der Bauern befanden sich in der Nähe der Angermitte. Die Anwesen der Kossäten schlossen sich in Richtung des Dorfendes an. Sie waren größer als die der Bauern, da die Erträge des Hoflandes eine wesentliche Existenzgrundlage dieser kleinbäuerlichen Gruppe bildeten. Der Anger hatte eine wichtige Funktion als Gerichts- und Versammlungsplatz, als Standort für die Dorfkirche mit Friedhof, den Brunnen, evtl. auch für Löschteich und Backofen. Außerdem diente er als Kleintierweide.
Nach der Gründung eines Dorfes wurde ein Schulze eingesetzt, der für die niedere Gerichtsbarkeit, d.h. kleinere Delikte, zuständig war. In Biesdorf hatte zunächst ein Lehnschulze dieses Amt inne. Er besaß einen abgabenfreien Hof von vier Hufen, der aber schon Mitte des 15. Jahrhunderts nicht mehr bestand. Fortan gab es in Biesdorf nur noch einen Setzschulzen, wie es in Marzahn offenbar von Anfang der Fall war. Ein solcher übte die niedere Gerichtsbarkeit lediglich im Auftrage des Grundherrn aus und war abgabenpflichtig. Die in Biesdorf und Marzahn nachweisbaren Setzschulzen waren stets Bauern mit mehr als einer Hufe Landbesitz. Die Existenz eines Lehnschulzen in Biesdorf zur Zeit des Landbuches deutet darauf hin, dass Biesdorf von einem bürgerlichen Lokator gegründet wurde, der vielleicht dem Dorfe seinen Namen gab. Es war üblich, dass ein nichtadliger Lokator für seine Dienste mit dem Lehnschulzenamt belohnt wurde.
Recht wenig wissen wir über die Bauern in Biesdorf und Marzahn in den ersten Jahrhunderten nach der Dorfgründung. Im Landbuch von 1375 finden sich keine Angaben über ihre Anzahl. Auch die für 1450 und 1451 erhaltenen Schoßkataster, einer Art Steuerregister, sagen nichts darüber aus. Jedoch sind aus den Jahren 1435 und 1441 aus Biesdorf erstmals die Namen von vier Bauern überliefert: Heyne Trefskow, Brawer/Bruwer (Brauer), Alten/Alden (der alte?) und Lucas Mewes. Jeder von ihnen hatte einen Hof und zwei Hufen Landes. Etwas besser sieht es mit Informationen über die bäuerlichen Abgaben aus.
Für die Gründungsphase kennen wir den Umfang der dem jeweiligen Herrn in Getreide und Geld zu entrichtenden Leistungen nicht, doch wird in der historischen Forschung allgemein davon ausgegangen, dass sie zunächst gering waren. Zu Biesdorf sind im Landbuch Karls IV. Zahlen über die Abgaben enthalten. Pro Hufe mussten an Pacht je fünf Scheffel Roggen, Gerste und Hafer, 16 Pfennige Zins und die Bede, die seit 1280 eine ordentliche Steuer war, in Höhe von 81 Pfennigen gegeben werden. Damit hatten die Biesdorfer Bauern höhere Leistungen zu erbringen als im Durchschnitt der Barnimer Dörfer. Bis Mitte des 15. Jahrhunderts änderte sich die Getreidepacht für die Mehrzahl der damals 57 abgabenpflichtigen Hufen nicht, bei acht war jeweils ein Scheffel mehr zu entrichten. Dafür waren die Geldleistungen bei diesen niedriger. Aus der Zeit um 1450 verfügen wir auch über die ersten Angaben zu den Getreideabgaben und Geldleistungen in Marzahn. Jede Bauernhufe hatte sechs Scheffel Roggen und vier Scheffel Hafer zu geben sowie drei Groschen (= 18 Pfennige) an Geld zu zahlen. Damit lagen die Abgaben in Marzahn erheblich unter denen von Biesdorf.
Auch über die Kossäten in beiden Dörfern wissen wir wenig. Für Marzahn sind in den Schoßkatastern Mitte des 15. Jahrhunderts vier Kossätenhöfe ausgewiesen, von denen 1450 einer nicht besetzt war. Zu Biesdorf enthalten diese Verzeichnisse keinerlei solche Angaben. Dafür gab es zur Zeit des Landbuches im Dorf mit 24 ungewöhnlich viele Kossäten, die möglicherweise Nachkommen von Slawen waren. Dafür spricht, dass die "archäologische Begehung im Dorfkern Biesdorf ... eine wichtige Entdeckung zutage (förderte). Auf einem kleinen Terrain in der Südostecke des Dorfkernes kamen spätslawische Scherben des 11./12. Jahrhunderts zum Vorschein, die daran denken lassen, daß das deutsche Angerdorf an eine ältere Phase anknüpft. Eine slawische Kleinsiedlung könnte sich im Kolonisationszeitalter zum Dorf nach deutschem Recht entwickelt haben." Kossäten mussten, da sie kein Hufenland hatten, auch keine Getreidepacht entrichten. Die Biesdorfer hatten 1375 jeder sechs Pfennige abzuführen, 1450/1451 hatten sich ihre Geldleistungen vervielfacht und betrugen 18 Groschen. In Marzahn mussten die Kossäten in diesem Jahr sogar das Doppelte, d.h. 36 Groschen, zahlen.
Abgabenpflichtig waren auch die Krüge in beiden Dörfern. In Biesdorf wird ein solcher bereits im Landbuch von 1375, in Marzahn erstmals 1450 erwähnt.
Das Landbuch widerspiegelt auch die Besitzverhältnisse. Ursprünglich hatte alles neu eroberte Land dem jeweiligen brandenburgischen Landesherrn gehört, doch erhielten die adligen Ritter und anderen Dienstleute für ihren Anteil an der Eroberung und Sicherung der Mark häufig Landbesitz und Rechte z.B. die Gerichtsbarkeit in einem Dorf verliehen. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts war dieser Prozess schon weit vorangeschritten und hatte auch Biesdorf und Marzahn erfasst. Die Dörfer unterstanden einem adligen Grundherrn, in Marzahn Johannes von Wulkow und in Biesdorf Henning von der Gröben. Beide gehörten dem so genannten schlossgesessenen Adel an, wohnten nicht am Ort und hatten Rechte in einer Reihe anderer Dörfer. Über diese Gemeinsamkeiten hinaus unterschied sich die Situation beider Dörfer erheblich.
Marzahn wies 1375 sehr einfache Besitzverhältnisse auf. Neben den schon 1300 genannten Nonnen von Friedland, die ihre drei Hufen auch weiterhin besaßen, und den Pfarr- und Kirchhufen gehörte alles Land dem Ritter von Wulkow. Dieser hatte auch das oberste Gericht, das für die Ahndung größerer Delikte zuständig war, inne. Seinen Sitz hatte Johannes von Wulkow, der z.T. als Jan erscheint, auf der Burg Falkenhagen bei Seelow, deren Existenz zwischen 1313 und 1405 belegt ist. Die von Wulkow sind seit dem 13. Jahrhundert nachweisbar , seit 1280 tauchen sie in brandenburgischen Urkunden auf. Möglich ist, dass sie auch den Lokator von Marzahn stellten, da von einem adligen Dorfgründer ausgegangen werden kann.
Über die Herkunft der Familie gibt es verschiedene Vermutungen. So könnte sie aus dem wettinischen Herrschaftsbereich stammen und von der Burg Wolkow bei Delitzsch ihren Namen haben. Auch die Dörfer Wulkow südwestlich von Lebus bzw. nordöstlich von Müncheberg sind als namengebende Stammsitze angenommen worden. Die Marzahner Wulkows waren bis etwa 1400 vor allem im Land Lebus begütert, eine zweite Linie bis ins 16. Jahrhundert auf dem Oberbarnim.
Mehrmals stellten die von Wulkow den Vogt des Landes Lebus und damit den vom Markgrafen beauftragten Verwalter dieses Territoriums. Auch Johannes von Wulkow übte dieses Amt einige Jahre lang aus. Vor 1412 muss er ohne männlichen Erben verstorben sein. Seine Tochter Agnes erhielt für ihren Lebensunterhalt zweimal durch den brandenburgischen Landesherrn ein "Leibgedinge", zunächst in Falkenhagen, dann in Strausberg. 1427 geschah das unter ausdrücklichem Bezug auf "getrewe dinste, die der Gestrenge Jan Wullekow, ritter, seliger, vnsen furfaren vnd dem marggrauethum czu Brandenburg offt getann hat". Nach dem Tode des Johannes von Wulkow ging Marzahn wieder in den Besitz des Landesherrn über. Kurz darauf wurde Foltz Lindenberg mit Marzahn belehnt. , der das Dorf 1450 noch innehatte. Die Familie war bis Ende des 16. Jahrhunderts in Marzahn ansässig.
Differenzierter als in Marzahn war die Besitzstruktur 1375 in Biesdorf. Drei Berliner Bürger hatten Pacht und Zins von insgesamt 21 Hufen, weitere Personen bezogen Natural- und Geldabgaben unterschiedlicher Höhe. Vermerkt ist, dass der Berliner Apotheker, der einer der Hufeninhaber war, diese direkt vom Markgrafen erhalten hatte. Alle anderen hatten ihre Einkünfte von Hennig von der Gröben übernommen. Außer noch verbliebener Pacht und Zinsen verfügte der Grundherr auch über das oberste Gericht. Biesdorf war nur ein Besitz derer von der Gröben, die über Land und Rechte in etlichen weiteren Dörfern verfügten, darunter in den heute zu Berlin gehörenden Orten Blankenfelde und Weißensee. In einer im Landbuch Karls IV. enthaltenen Übersicht über den burgbesitzenden Adel von 1373 wird Hennig von der Gröben als Herr von Beuthen genannt. Ihren Hauptbesitz hatten die Gröben damals in den Ortschaften um das ihren Namen tragende Dorf im westlichen Teltow, unweit der Burg Beuthen gelegen. Bereits im Jahre 1152 wurden die Gröben urkundlich genannt, schon wenig später waren sie unter den Dienstleuten der magdeburgischen Erzbischöfe zu finden. Unterschiedliche Erklärungen gibt es über die Herkunft ihres Namens, für die sowohl eine Übertragung aus dem Raum Calbe bzw. Aschersleben, eine Benennung nach den ihnen östlich der Elbe gehörenden Dörfern als auch ein slawischer Ursprung angenommen wird.
Biesdorf besaßen die von der Gröben bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts. Noch 1433 wurden die Vettern Claus und Jaspar von der Gröben mit Einkünften, Rechten und einem Hof von vier Hufen belehnt, der vielleicht aus dem Lehnschulzenhof hervorgegangen war. 1441 und 1443 veräußerten die Gröben Biesdorf in zwei Teilen. Als 1450 das Schoßkataster angefertigt wurde, gehörte Biesdorf "myns hern", d.h. dem Kurfürsten. Einige Zeit später verlieh er das Dorf wieder, diesmal an die Familie von Pfuel, die Biesdorf bis Mitte des 17. Jahrhunderts besaß.
Karoline Terlau-Friemann
Die drei Altäre der Jesuitenkapelle "Herz Jesu" in Biesdorf-Süd
Auf einem kleinen Hügel westlich der Wuhle liegt eingebettet in einem Park an der Fortuna-Allee in Biesdorf-Süd das bis 1997 von Jesuiten geleitete Erholungs- und Exerzitienhaus mit seiner Herz-Jesu-Kapelle. Gegründet wurde die Anlage 1912 durch den Kurator und Pfarrer von St. Clemens in Berlin, Clemens August Graf von Galen, die Reichstagsabgeordneten der Zentrumspartei Friedrich Graf von Galen und Matthias Erzberger und den Berliner Strafanstaltspfarrer Dr. Alfred Saltzgeber, die hierfür die "Gesellschaft Erholung mbHA" mit dem Kapital der Deutschen Provinz S.J. gegründet hatten. Die Benediktion der Kapelle erfolgte bereits 1916, die Eröffnung des Erholungs- und Exerzitienhauses aber erst 1920.
Seit der Einweihung der im Typus einer dreischiffigen Basilika errichteten Kapelle mit halbrundem Chorabschluss sind neben dem erhaltenen Altar mit Hochkreuz zwei weitere Hauptaltäre unterschiedlicher Gestaltung und Entstehungszeiten durch Postkartenabbildungen und Fotos überliefert.
Marienaltar (15. Jahrhundert)
Bis in die Mitte der 20er Jahre stand in der Apsis ein kleiner spätgotischer Flügelaltar mit farbig gefassten Schnitzfiguren, der heute in Resten als Seitenaltar im südlichen Seitenschiff erhalten ist. Ikonographisch ist die vielschichtige christliche Thematik des "Apokalyptischen Weibes" erkennbar. Im mittleren Feld des Altars ist Maria mit dem Jesuskind auf dem linken Arm und einem Apfel in der rechten Hand auf einem versilberten Kopf mit Mondsichel stehend dargestellt. Zu Karoline Terlau-Friemann
Die drei Altäre der Jesuitenkapelle "Herz Jesu" in Biesdorf-Süd
Auf einem kleinen Hügel westlich der Wuhle liegt eingebettet in einem Park an der Fortuna-Allee in Biesdorf-Süd das bis 1997 von Jesuiten geleitete Erholungs- und Exerzitienhaus mit seiner Herz-Jesu-Kapelle. Gegründet wurde die Anlage 1912 durch den Kurator und Pfarrer von St. Clemens in Berlin, Clemens August Graf von Galen, die Reichstagsabgeordneten der Zentrumspartei Friedrich Graf von Galen und Matthias Erzberger und den Berliner Strafanstaltspfarrer Dr. Alfred Saltzgeber, die hierfür die "Gesellschaft Erholung mbHA" mit dem Kapital der Deutschen Provinz S.J. gegründet hatten. Die Benediktion der Kapelle erfolgte bereits 1916, die Eröffnung des Erholungs- und Exerzitienhauses aber erst 1920.
Seit der Einweihung der im Typus einer dreischiffigen Basilika errichteten Kapelle mit halbrundem Chorabschluss sind neben dem erhaltenen Altar mit Hochkreuz zwei weitere Hauptaltäre unterschiedlicher Gestaltung und Entstehungszeiten durch Postkartenabbildungen und Fotos überliefert.
Marienaltar (15. Jahrhundert)
Bis in die Mitte der 20er Jahre stand in der Apsis ein kleiner spätgotischer Flügelaltar mit farbig gefassten Schnitzfiguren, der heute in Resten als Seitenaltar im südlichen Seitenschiff erhalten ist. Ikonographisch ist die vielschichtige christliche Thematik des "Apokalyptischen Weibes" erkennbar. Im mittleren Feld des Altars ist Maria mit dem Jesuskind auf dem linken Arm und einem Apfel in der rechten Hand auf einem versilberten Kopf mit Mondsichel stehend dargestellt. Zu ihrer Linken steht Johannes der Täufer und zu ihrer Rechten Johannes der Evangelist. Typologisch werden zwei Gestalten gegenübergestellt, wobei die eine Christus in seiner Menschwerdung ankündigt und damit für das Alte Testament steht und die andere in seiner Apokalypse an die eschatologische Ankunft am Zeitende hinweist und damit das Neue Testament symbolisiert. Heortologisch wird dies weiter gestützt durch die Tatsache, dass der Todestag Johannes d.T. mit dem Tag der Geburt des Johannes d.E. zusammenfällt.
Die Erfüllung des Alten und Neuen Testaments durch Maria wird zum Hauptthema. Der unter den Füßen Mariens liegende Kopf erschließt sich uns als Schlange und Dämon. Es wird die Bibelstelle (Moses, Genesis 3,15) aufgenommen, die da heißt: "Er (der verheißene Nachkomme Evas) trifft dich am Kopf". Maria wird gleichzeitig Eva und hält in ihrer rechten Hand den Apfel. Auf ihrem linken Arm trägt sie das Jesuskind. In der christlichen Symbolik wird sie zur neuen Eva und Mutter allen Lebens. Es erfüllt sich damit parallel aus dem Neuen Testament die Überwindung des Teufels und des Todes durch Maria, wie es in der Offenbarung des Johannes (12,5,9) steht: "Und sie gebar ein Kind, einen Sohn" und "Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan".
Auf dem linken Klappflügel ist ein Stifter mit Bischofsornat und rotem Kreuz auf weißem Handschuh mit einem Kirchenmodell in den Händen und auf dem rechten Klappflügel die heilige Katharina mit einem zerbrochenen Rad dargestellt.
Das Retabel stand im ehemaligen Zusammenhang auf der Mensa. Er bestand aus der Predella mit Tabernakel und dem Altarschrein. Das folgende, mit gotischem Maßwerk versehene Gesprenge reichte bis zum unteren Apsisfenster.
Die beiden erhaltenen Außenflügel weisen auf die Herkunft des Altars hin. Auf den weißen Handschuhen des Bischofs sind rote Kreuze aufgemalt, wie sie Ritterorden tragen. Katharina könnte die Patronin der Stifterkirche sein. Die Seitenflügelfiguren sind nicht zur gleichen Zeit entstanden wie die Mittelfiguren und könnten stilistisch den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts angehören und eventuell speziell für diesen Zweck hergestellt worden sein. Könnte es sich um ein Geschenk des Jesuiten-Collegs oder des Konvents eines Ritterordens der Bischofsstadt Breslau handeln, das zur Einweihung der Kirche übergeben wurde? Leider ist es bis heute nicht geklärt, woher dieses hoch interessante Stück stammt.
Stilistische Untersuchungen stehen noch aus. Clemens August Graf von Galen stammte aus dem Münsterland. Ein Vergleich mit flämischen Flügelaltären könnte ein weiter Ansatz zur Herkunftsanalyse und zeitlichen Einordnung sein.
Herz-Jesu-Altar (18. Jahrhundert)
Noch vor 1925 wurde der gotische Altar gegen einen barocken ausgewechselt und thematisch der Name der Kirche "Herz-Jesu" im Altarprogramm aufgegriffen. Auf die in barocken Formen gestaltete, mit einem Kreuz geschmückte Mensa wurde das prunkvolle Altarretabel aufgestellt. Über dem Tabernakel war eine mit Blütenwerk umgebene Monstranz fest eingebaut. Darüber im mittleren Hauptfeld befand sich eine mit bewegter Gestik stehende Herz-Jesu-Figur. In den Nischen links und rechts standen vermutlich die Apostel Petrus und Paulus als Parallelisierung zu Ignatius von Loyola und Franz Xaver. Bekrönt wurde das Retabel durch ein Gesprenge mit der Inschrift IHS und darüber erhob sich ein Kreuz im Strahlenkranz. Insgesamt zeigt der Altar ikonographisch den geistigen Hintergrund des jesuitischen Gedankenguts.
Anlass für die Aufstellung des neuen Altares aus dem 18. Jahrhundert war wohl die Aufhebung der Jesuitengesetze und die Möglichkeit, sich wieder offen zu ihrer Kongregation zu bekennen. Selbstbewusst wird das Zeichen IHS, das Ignatius von Loyola in seinem Siegel trug und das die meiste und vielfältige Verbreitung durch die Jesuiten erfahren hat, als Bekrönung des Altars präsentiert.
Dieser Altar wurde gegen Ende des Krieges durch Bomben stark beschädigt. Nur der Tabernakel konnte für die Gestaltung des neuen Altars mitbenutzt werden. Über den Verbleib der restlichen Teile ist nichts bekannt.
Hochkreuz (14. Jahrhundert)
Die Stelle des Altarretabels nimmt seit 1944 ein ca. 180 cm großes Kruzifix ein, das ehemals auf dem Tabernakel des Barockaltars stand, der die Bomben 1944 überlebt hatte. Erst in jüngerer Zeit wurde dieser barocke Tabernakel durch einen modernen ersetzt. Entfernt wurde auch das Schild mit der Inschrift "I.N.R.I." am oberen Kreuzbalken. Das Kreuz mit Korpus soll aus dem Exerzitienhaus stammen und seinen ursprünglichen Platz in der zweiten Etage gehabt haben.
Auf neuen Kreuzbalken ist der eindrucksvolle Holzkorpus mit Inkarnatfassung als Dreinageltypus mit kurzem rechts geknotetem Lendentuch angebracht. Der leidende, aber trotzdem schwebende Christus mit ausdrucksstarkem, nach rechts geneigtem Kopf mit Dornenkrone erinnert noch stark an die spätromanischen Darstellungen in Westfalen und im Rheinland. Besonders auffällig sind die stark stilisierten, betonten Rippen und die sehnigen Gliedmaße.
Die Herkunft aller aufgeführten Altäre und der noch weiteren Ausstattungsgegenstände der Herz-Jesu-Kapelle in Biesdorf-Süd ist noch völlig unklar. Bisher sind nur ansatzweise Quellen zugänglich gewesen und erste Versuche unternommen worden, um die Objekte etwas näher einzuordnen.
| Erläuterungen der Fachbegriffe: | |
| Eschatologie | = Lehre vom Endschicksal der Welt |
| Heortologium | = kirchlicher Festkalender |
| Retabel | = Altaraufsatz |
| Predella | = Sockel eines Altaraufsatzes |
| Gesprenge | = turmartiger Aufbau über dem Altar |
| Inkarnatsfassung | = fleischfarbene Bemalung |
| Mensa | = Altarplatte |
Andreas Imhoff
Ursachen der Auswanderung der Pfälzer in die Mark Brandenburg in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts
Der 19. Juli 1764 war ein ganz besonderer Tag im Leben des David Oppermann. An diesem Tag ging für ihn und die übrigen 19 Familien, die die lange Reise vom Oberrhein in die Kurmark auf sich genommen hatten, ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung. In Anwesenheit des Köpenicker Oberamtmannes Holtorff und eines Vertreters der Kriegs- und Domänenkammer wurde der Gruppe das Marzahner Vorwerk - ein kurfürstliches Gut, das bislang von einem Pächter bewirtschaftet worden war -, zur Nutzung übergeben. Damit eröffnete sich ihnen die Möglichkeit, eine neue Existenz fernab der alten Heimat zu gründen.
Die Namen und die Herkunftsorte jener im Auftrag von König Friedrich dem Großen angeworbenen Kolonisten sind bekannt: David Oppermann, Johann Georg Schönnagel, Augustin Strobel und all die anderen Neuankömmlinge stammten aus Sponsheim, Zotzenheim, Weinheim, Albig und Roxheim - kurpfälzische Dörfer in unmittelbarer Nähe der Städtchen Alzey und Bad Kreuznach. Was aber hatte diese Menschen bewegt, ihrer Heimat den Rücken zu kehren und ein Abenteuer zu wagen, das da hieß: Neuanfang in der Mark Brandenburg? Erfolgten die Auswanderungen aus Resignation vor unüberwindbar scheinenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten oder aus Furcht vor religiösen Verfolgungen ? Sind sie als Protest gegen das bestehende gesellschaftliche und politische System zu werten, oder war es nur der Drang, einer als unzumutbar empfundenen häuslichen Enge zu entfliehen? Wir wollen uns diesem Fragekomplex etwas eingehender widmen.
Kurpfalz, Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, Hochstift Speyer, Hochstift Worms und all die anderen zahlreichen Territorialstaaten im Südwesten des Reiches waren seit dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts im hohen Maße vom Wegzug ihrer Untertanen betroffen. Die Frage nach den Ursachen der Auswanderungen ist so alt wie das Phänomen selbst. Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz wies schon 1683 seine Beamten an, die Abzugswilligen nach den Gründen ihrer Abreise zu befragen. Danach hat es hat immer wieder Versuche gegeben, die Ursachen des Auswanderungsphänomens zu ergründen. Während die mit den Nachforschungen betrauten Beamten in aller Regel die Günde nicht im Heimatstaat, sondern in den Versprechungen und Verlockungen auf Bevölkerungsvermehrung bedachter fremder Mächte sahen, glaubten viele zeitgenössischen Publizisten, religiöse Bedrückungen sowie politisch-wirtschaftliche Fehlleistungen der Regierungen für die anhaltenden Auswanderungen verantwortlich machen zu können.
Damit war jedoch die Liste der in der Öffentlichkeit diskutierten Auswanderungsursachen noch nicht erschöpft. Eine 10 Punkte umfassende Aufstellung des Pulizisten Gottfried Traugott Wenzel zählt neben Kriegen, hohen Steuern, Zollschranken und witterungsbedingten Ernteausfällen auch die „Vielheit der zu Müßiggang verführenden Feyertage“ (insbesondere in katholischen Gegenden) sowie allzu häufige Zahlenlotterien als Auswanderungsursachen auf. Aber was waren nun wirklich die Ursachen der Auswanderungen, speziell in der 2.Hälfte des 18. Jahrhunderts?
Sucht man nach Erklärungen für die Auswanderungen aus der Pfalz im 18. Jahrhundert, so findet sich sowohl in der älteren als auch in der neueren Literatur häufig die Auffassung, daß religiöse Intoleranz die wichtigste Auswanderungsursache gewesen sei. Die in ihrer Mehrheit protestantische Bevölkerung der Kurpfalz habe - so die These - seit dem Regierungsantritt des katholischen Herrschers Johann Wilhelm im Jahr 1690 schwer unter den kirchenpolitischen „Bedrückungsmaßnahmen“ des Kurfürsten zu leiden gehabt. Die energisch vorangetriebene Rekatholisierung unter ihm und seinem Bruder Karl Philipp (1716-1742) habe ebenso wie die intolerante Religionspolitik Karl Theodors (1742-1799) zahllose Pfälzer zur Auswanderung getrieben.
Diese Auffassung stößt in der Forschung jedoch auf Widerspruch. Joachim Heinz etwa weist darauf hin, daß sowohl die internen Berichte der mit dem Auswanderungsgeschehen befaßten Oberämter als auch die Vernehmungsprotokolle der Auswanderungswilligen keinerlei Anhaltspunkte enthalten, die die Vermutung zulassen würden, die Auswanderungen seien religiös motiviert. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, so Heinz weiter, habe Kurfürst Karl Theodor die katholischen Interessen zwar begünstigt, doch sei dies vor allem auf höherer und höchster administrativer Ebene zum Tragen gekommen. Auf die Lebensweise der protestantischen Bevölkerung habe die Kirchen- und Religionspoltik des Herrschers keine Auswirkungen gehabt. Von rein religiös motivierten Auswanderungen könne deshalb nicht ausgegangen werden.
Von niemandem angezweifelt wird hingegen, daß die zahlreichen Kriege, von denen die Pfalz seit dem späten 17. Jahrhundert heimgesucht wurde, die Menschen zum Verlassen ihrer Heimat veranlaßt haben: zu nennen wäre hier der Reichskrieg gegen Frankreich (1674-1678), der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688-1697) - durch ihn wurden weite Landstriche am Oberrhein dem Erdboden gleichgemacht - sowie der in seinen Auswirkungen für die Menschen kaum minder verheerende Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714). Zum Glück für die drangsalierte, verarmte Bevölkerung haben danach bis in die 1790er Jahre, als die französischen Revolutionstruppen zum Rhein vorstießen, keine kriegerische Auseinandersetzungen mehr auf pfälzischem Boden stattgefunden. Dennoch haben sowohl der lothringisch-polnische (1733-1738) als auch der bayerisch-österreichische Erbfolgekrieg (1740-1748) und in eingeschränktem Maße auch der Siebenjährige Krieg (1756-1763) mit ihren Truppendurchmärschen, Quartier-, Lebensmittel- und Futtermittelanforderungen die wirtschaftliche Lage der Pfälzer zeitweise belastet.
Wie eben anklang, hat der Siebenjährige Krieg die Pfälzer bei weitem nicht so stark in Mitleidenschaft gezogen wie die Kriege in den beiden Jahrzehnten vor und nach 1700. Allem Anschein nach dürften die militärischen Auseinandersetzungen der Jahre 1756 bis 1763 also nicht maßgeblich für die Auswanderungen in der zweiten Jahrhunderthälfte verantwortlich gewesen sein. Und doch erlagen tausende Pfälzer den Verlockungen der preußischen, österreichischen, russischen und französischen Flugschriften und Broschüren, in denen mit zum Teil unglaublichen Versprechungen für die Auswanderung in die Mark Brandenburg, nach Ungarn, an die Wolga oder ins noch fernere Cayenne geworben wurde.
Die Hauptursache dieses Phänomens ist in der Verarmung weiter Teile der Bevölkerung zu sehen. Als 1764 zahlreiche Kurpfälzer nach Preußen zogen - unter ihnen bekanntlich die Gruppe um David Oppermann - berichteten die zuständigen Oberämter, daß es fast ausnahmslos arme Leute gewesen seien: Ihr „Vermögen bestehet in lauter schulden“. Die Auswanderer, die nur wenige Jahre später anläßlich einer zweiten Auswanderungswelle nach Preußen von den kurpfälzischen Behörden befragt wurden, antworteten, daß sie mit Schulden überlastet seien, in Elend und Armut lebten und unter Nahrungsmangel litten.
Die weitverbreitete wirtschaftliche Not in der Pfalz damals ist wiederum mit einer Überbevölkerungssituation zu erklären. In der Tat hat sich die Bevölkerungszahl der Pfalz im Verlauf des 18. Jahrhunderts außerordentlich stark erhöht. So scheinen die schweren Bevölkerungsverluste, die die Pfalz durch den Dreißigjährigen Krieg, die Pestepedemie von 1666/67 und die darauffolgenden Kriege erlitten hatte, im Bereich der fruchtbaren und verkehrsgeographisch günstig gelegenen Rheinebene bereits bis zum Ende des ersten Drittels des 18. Jahrhunderts wieder völlig ausgeglichen gewesen sein. Obwohl die Bevölkerung in der Westpfalz deutlich langsamer wuchs als in der Rheinzone, scheint um die Mitte des 18. Jahrhunderts auch hier der Bevölkerungsstand des frühen 17. Jahrhunderts wieder erreicht worden zu sein. In den folgenden Jahrzehnten stieg die Bevölkerungszahl in allen Teilen der Pfalz sehr rasch an, so daß Christian Dohm 1778 schreiben konnte, daß die Pfalz zu den „bevölkertsten Ländern von Deutschland“ gehöre. Im gleichen Jahr war die kurpfälzische Bevölkerung auf 287.000 Menschen angewachsen und stieg bis 1791auf 328.300 Einwohner.
Als Folge dieser Entwicklung sollten sich die Lebensverhältnisse der Menschen nachhaltig verschlechtern: Bereits um die Jahrhundertmitte war in weiten Teilen der Pfalz das Gleichgewicht zwischen Bevölkerung und Nahrungsmittelspielraum so labil, daß witterungsbedingte Ernteausfälle oder Unglücksfälle (wie zum Beispiel Viehseuchen) unmittelbar zu Hungerkrisen führten. Das anhaltende starke Bevölkerungswachstum in Verbindung mit einer weitgehend stagnierenden Agrarproduktion hat dann spätestens in den 1760er Jahren die konjunkturelle Agrarkrise in eine strukturelle umschlagen lassen.
Die historische Demographie hat nachgewiesen, daß das rasche Bevölkerungswachstum in der Kurpfalz - für andere Territorien Südwestdeutschlands liegen keine zuverlässigen Einwohnerzahlen vor - sowohl durch den Zuzug von außen (Schweizer, österreichische und böhmische Exulanten, Hugenotten, Flamen und Walonen) als auch durch kräftige Geburtenüberschüsse hervorgerufen worden war. Daß die Zahl der Geburten die der Sterbefälle so stark überstieg, war wiederum die direkte Folge einer in weiten Teilen der Pfalz herrschenden Erbgewohnheit, des Realteilungsrechts. Da dieses Recht also mittelbar für die Auswanderungen verantwortlich war, wollen wir es kurz skizzieren.
Das gemeine Erbrecht, wie es im Bereich des Deutschen Reiches herrschte, stellte die Erben prinzipiell gleich. Das hatte in einer überwiegend agrarischen Gesellschaft, in der die einzelnen Betriebe kaum große Überschüsse erwirtschaften konnten, jedoch erhebliche Nachteile. So entwickelte sich aus dem gemeinen Erbrecht das Anerbenrecht. Danach übernahm einer der Erben den ungeteilten Besitz bei Abfindung der andern gemäß dem Ertragwert des Hofes. Die Abgefundenen konnten gegen Beköstigung und geringen Barlohn im Haushalt bleiben und mitarbeiten. Wer heiraten wollte, mußte indessen vom Hof. Manche verließen das Dorf überhaupt und zogen in die Stadt, die anderen mußten sich damit abfinden, eine selbständige Wirtschaft nur auf einer kleineren Stelle bei gemindertem Recht führen zu können. Aus dem Bauerntum wuchs so ein Kleinbauerntum heraus, aus diesem wiederum ein in sich vielfach gegliederte unterbäuerliche Schicht. Der Differizierungsprozeß begann schon im Hochmittelalter. Er führte bis zum 18. Jahrhundert dazu, daß das Bauerntum zur Minderheit im Dorf wurde und nur mehr ein Drittel oder ein Viertel der Landbevölkerung umfaßte.
In Südwestdeutschland verlief die Entwicklung andersartig. Das wärmere und damit fruchtbarere Klima der Tal- und Beckenlandschaften ermöglichte eine intensivere agrarische Nutzung, die größere Städtedichte ermunterte dazu, mit arbeitsintensiven Spezialkulturen - Wein, Obst, Gemüse, Handelsgewächse wie Flachs, Krapp oder Waid - für den städtischen Markt zu produzieren und beachtliche Einkommensverbesserungen zu erzielen. Die Beschränkung des Bevölkerungswachstums durch die Weitergabe des Besitzes an nur einen Erben war unter diesen Verhältnissen nicht nötig. So entwickelte sich aus dem gemeinen Erbrecht hier früh dessen konsequente Auslegung, die Realteilung. Durch sie wurde Hof und Besitz eines Stelleninhabers nach dessen Tod gleichmäßg unter den Erben aufgeteilt.
Schon im Hochmittelalter waren entlang des Rheines Klein- und Kleinsthöfe häufig anzutreffen. Dabei handelte es sich jedoch durchaus nicht um lebensunfähige Zwerggüter. Voraussetzung des Teilens war, daß jeder auf seinem Stück seinen Unterhalt finden konnte. Auch verband jede Eheschließung zwei Erben. Die Realteilung bedeutete zunächst also nur eine fortlaufende Umverteilung des Bodens. Und doch zeigten sich im Laufe der Zeit die negativen Folgen dieser Erbgewohnheit: Da es infolge des Realteilungsrechts verhältnismäßig leicht war, eine Erwerbsstelle in Besitz zu nehmen, standen der oft schon in jungen Jahren beabsichtigten Familiengründung keine großen Hindernisse im Wege. Als Folge davon war in Realteilungsgebieten das durchschnittliche Heiratsalter niedriger, die Heiratshäufigkeit höher und infolgedessen die eheliche Fruchtbarkeit größer als in Gebieten mit vorherrschendem Anerbenrecht. Das wiederum machte sich in einem sehr raschen Bevölkerungswachstum bemerkbar. Das war solange unproblematisch, wie die wirtschaftlich sinnvollen Mindestgrößen - entsprechend dem jeweiligen Stand der Agrarwirtschaft - nicht unterschritten wurden. In weiten Teilen der Pfalz war dies trotz wiederholter Auswanderungswellen, die den Übervölkerungsdruck milderten, aber schon ausgangs des 18. Jahrhunderts der Fall.
In der Forschung hat man z.T. versucht, die Frage nach den Auswanderungsgründen durch die Zuordnung in ein Push-und-Pull-Modell zu lösen. Das heißt, es wird gefragt, ob mehr die abstoßenden Kräfte im Heimatland oder die anziehenden im Einwanderungsland den Entschluß zur Auswanderung bewirkt haben. Natürlich ist dies Ermessenssache. Wir wollen uns hier mit der Feststellung begnügen, daß sich die Push- und die Pull- Faktoren sicherlich nicht alternativ gegenüberstanden, d.h. beim Auswanderungsentschluß sowohl starke abstoßende als auch anziehende Faktoren mitgewirkt haben.
Zu jenen Pull- Faktoren sind die Vergünstigungen zu rechnen, die den Kolonisten in den Ansiedlungsedikten Friedrichs II. zugesichert wurden. Sicherlich verlockend für sie muß die Gewährung der „Werbe- und Enrollirungsfreiheit“ gewesen sein. Den Zuwanderern durfte für ihre Neuansiedlung also nichts in Rechnung gestellt werden, wobei die Gültigkeit dieses Privilegs bis in die 3. Generation garantiert wurde. Als weitere Vergünstigung wurde die Freiheit von „allen körperlichen Lasten“ auf 2 - 3 Jahre in Aussicht gestellt. Ferner genossen die Kolonisten für die ins Land mitgebrachten Habseligkeiten Zollbefreiung. Wenn sie sich niederließen, gewährte man ihnen auch die Einquartierungsfreiheit. Ihre Kapitalien konnten sie in den „publiquen fonds“ zu 5% anlegen.
Aufgrund der geringen Abgabelast durften die kurpfälzischen Kolonisten somit auf hervorragende Rahmenbedingungen in ihrer neuen Heimat hoffen. Im Vergleich dazu waren die Verpflichtungen, die sie gegenüber ihrer alten Obrigkeit hatten nachkommen müssen, außerordentlich bedrückend gewesen. So stellte noch in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts der kurpfälzische Physiokrat Stephan Gugenmus verbittert fest: „Die Leibeigenschaft und die Frohnbarkeit der Landleute ist ... eine grosse Last und Hindernis bei dem Ackerbaue, insonderheit da bekanntermassen viel Missbrauch und Unterschleif dabey vorgeht. Wenn demnach diese Frohnden mit Geld abgetragen würden und der Untertan wüsste, wenn er zu frohnden hätte, so könnte er sich darnach richten, so aber da kein Mass und kein Ziel gesetzt und der Bauer frohnden muss, wenn es seinem vorgesetzten Unter- und Oberbeamte gefällt, auch diese Frohnden zu einer Zeit geschehen, wenn der Landmann am Nötigsten zu arbeiten hat, so druckt ihn diese Last gar zu empfindlich. Dabei wird noch dazu nur halb soviel getan, weil jeder sich davon hilft so gut er kann, und dem Einwohner das Land verleidet, dass er bei der ersten Gelegenheit wegzieht.“
Die Frondienste als alleinigen Auswanderungsgrund anzunehmen, hieße sie überzubewerten. Zu den feudalen Bürden kamen jedoch zahlreiche Sondersteuern hinzu, die zur Finanzierung des aufgeblähten Hofstaates und der kostspieligen Bauprojekte eingeführt worden waren. In der 2. Jahrhunderthälfte, unter Kurfürst Karl Theodor, erreichte das herrschaftliche Repräsentationsbedürfnis dabei seinen Höhepunkt. Daß dies zu Lasten der Bevölkerung ging, darf nicht verwundern. Zu allem Übel griff die kurpfälzische Regierung verstärkt auf die Möglichkeit des Ämterverkaufes zurück, um die Lücken im Staatshaushalt nicht allzu groß werden zu lassen. Das heißt, es wurde allgemein üblich, Beamtenstellen an den meistbietenden Interessenten zu verkaufen. Die Beamten, die kein festes Gehalt bezogen, mußten sich somit der Möglichkeiten ihrer Position und ihres Tätigkeitsfeldes bedienen, wollten sie die Auslagen des Stelleneinkaufes zurückhaben und eine Entschädigung für ihre geleisteten Dienste beziehen. Korruption und Mißwirtschaft waren die Folge. Wie man sich denken kann, haben diese Mißstände den Wunsch vieler Pfälzer, ihre Heimat zu verlassen, zusätzlich verstärkt.
Horst Pohl
Beten, Singen, Lesen...
Aus der Marzahner und Biesdorfer Schulgeschichte
Nach dem 30jährigen Krieg (1618-1648) richtete Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, seinen Blick auch auf die "Volksschule" und wünschte jedem Dorfe eine solche zu geben. So heißt es in seiner Verordnung von 1662: "Die Kirchen und Gemeinden sollen allen Fleiß aufwenden, daß hin und wieder, sowohl in Dörfern, Flecken und Städten wohlbestellte Schulen angeordnet werden."
Die Unzufriedenheit über den unzureichenden Schulbesuch veranlasste jedoch den Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. in einer Verordnung am 28. September 1717 die Schulpflicht, die durchzuführenden Schultage und das Schulgeld, nämlich "Zwey Dreier" wöchentlich (6 Pf.), festzuschreiben. Mit dieser grundlegenden Verordnung über die Einführung des Schulzwangs begann die Geschichte des allgemeinen preußischen Volksschulrechts.
Am 1. August 1736 erließ der König dann den General-Schulenplan, nach welchem das Landschulwesen im Königreich Preußen eingerichtet werden sollte. Den Gemeinden wurde nun die Errichtung und Unterhaltung der Schulgebäude zur Pflicht gemacht. Friedrich der Große bestimmte im General-Landschul-Reglement vom 12. August 1763: "Im Winter wird an allen Wochentagen Vormittags von 8-11, Nachmittags mit Ausnahme von Mittwoch und Sonnabend von 1-4 Uhr unterrichtet. Die Sommerschule dauert nur 3 Stunden täglich, nach Bedürfniß Vor- oder Nachmittags."
Wenige Jahre, nachdem der Große Kurfürst die Schaffung von Volksschulen angeregt hatte, begann in den Dörfern unseres Raumes der Schulunterricht, der sich auf Singen, Beten, Lesen, Schreiben und das Erklären von Luthers Katechismus erstreckte. So begann spätestens im Jahre 1679 in Biesdorf ein Schulmeister zu wirken. In Kaulsdorf trat im Jahre 1680 ein Schulmeister seine Dienste an. 1684 wird auch in Marzahn erstmals ein Schulmeister erwähnt.
Die Marzahner Volksschule
us den ältesten noch vorhandenen Kirchenakten aus dem Jahre 1684 erfahren wir, dass "den 5. Februarii Caspar Dohnisch Schulmeister alhir von seiner Ehefrau Dorothea Frömmels ein Söhnlein gebohren" wurde. Im Oktober und Dezember 1687 wird dann "Johann der Schulmeister" genannt. "Jonas Henrich Garnweber und Schulmeister alhir in Martzahn", wurde erstmals am 23. Mai 1691 erwähnt.
In den meisten Dörfern hatte der jeweilige Schulmeister auch als Küster kirchliche Aufgaben zu erfüllen. Da die Marzahner Kirche, wie auch die Lichtenberger Kirche, von der Friedrichsfelder Mutterkirche kuriert (betreut) wurde, hatte der Friedrichsfelder Küster auch diese beiden Tochterkirchen zu betreuen. So brauchte sich der Schulmeister Henrich (auch Heinrich genannt) bis zu seinem Tode im Jahre 1734 nur dem Schulunterricht zu widmen, und es gab zu jener Zeit in Marzahn kein Küsterhaus, wohl aber ein Schulhaus.
Im Jahre 1718 erhielt Marzahn ein neues Schulhaus, in dem sich, wohl bis 1781, auch die Wohnung des Dorfhirten und Schuhflickers befand. 1775 wurden an dem Schulhaus Reparaturen durchgeführt und die Räumlichkeiten des Schulmeisters etwas erweitert. Die Wohnung erhielt zwar eine zweite Kammer, doch diente die Wohnstube auch weiterhin als Schulstube.
In den Jahren von 1764 bis 1772 wurden Pfälzer-Familien in Marzahn angesiedelt. Da die "Neu-Marzahner" der reformierten Konfession angehörten, baten sie gleich im Jahre 1764 den König um Unterstützung beim Bau eines eigenen Schulhauses. 1770 erhielten sie dann das von ihnen erwünschte "alte Dagelöner Haus auf der Forwärck". Dieses Tagelöhnerhaus stand wohl an der östlichen Begrenzung des Vorwerks, also etwa dort, wo heute das kleine Haus Alt-Marzahn 66 ist. Im September 1770 eingeräumt, befand sich das Schulhaus bereits am 2. Juli 1771 in einem "Baufälligen Zustand". Doch die Fertigstellung des reformierten Schulhauses erfolgte erst im Jahre 1784. Es stand kein reformierter Schulmeister zur Verfügung, die Kolonisten ließen ihre Kinder vom lutherischen Schulhalter Hoffert unterrichten. Dieser erhielt erst im Februar 1771 die königliche Berufung.
Da die Marzahner Kirche schon des längeren durch die lutherische und die reformierte Gemeinden als Simultankirche genutzt wurde, gab es im Jahre 1809 Bestrebungen, auch eine Simultanschule einzurichten. Doch im Jahre 1810 gingen alle Überlegungen in die Richtung, beide Schulen gleich zusammenzulegen. Dafür sollte ein neues, größeres Schulhaus gebaut werden. Von beiden vorhandenen Schulen befand sich zwar das Gebäude der reformierten Schule in Marzahn in gutem Zustand, jedoch war es für die 30 reformierten und 20 lutherischen Schulkinder zu klein. Spätestens am 1. September 1813, als Carl Wilhelm Schwarz sein Amt als Schullehrer an der kombinierten reformierten und lutherischen Schule zu Marzahn antrat, war die Vereinigung der beiden evangelischen Schulen vollzogen worden.
Der Plan, ein größeres Schulhaus zu bauen, wurde jedoch nicht verwirklicht. Im Dezember 1821 wird berichtet, "daß das Schulhaus in Marzahn in einem so elenden Zustand ist ... Diese Sache schlept sich nun schon Jahre hin." Am 23. September 1832 brach in Marzahn dann ein Feuer aus und zerstörte die neun Gehöfte nördlich des Angers. Auch das mit Stroh gedeckte Schulhaus auf dem Anger wurde Raub der Flammen. Dabei handelte es sich mit Sicherheit um das bereits erwähnte alte Schulhaus. Nach dem Brand wurde schließlich ein neues Schulhaus errichtet.
Große Aufregung herrschte Jahre später - am 9. Februar 1852 - in der Marzahner Schule, da an diesem Tage die Schulkasse mit über 31 Reichstalern und vom Schulkassen-Verwalter Lenz 300 Reichstaler gestohlen wurden.
Im März 1850 gab es in Marzahn 113 Schulkinder. Als nun für das Jahr 1855 die Anstellung eines zweiten Lehrers vorgesehen war, machten sich 1854/55 An- und Umbauten am Schulhaus erforderlich. Im Jahre 1872 wurde ein neues Schulhaus errichtet oder es wurden größere Reparaturen am Schulhaus durchgeführt. Denn in einem Bericht vom 22. August 1873 heißt es, dass wegen des Baus des Schulhauses der Unterricht schon im vorigen Jahre mangelhaft gewesen sei.
Vom 16. August 1873 bis 30. März 1913 wurde die zweite Lehrerstelle wieder aufgehoben.
Im Jahre 1912 erhielt Marzahn ein neues, großes Schulhaus. Es steht noch heute auf dem Anger. Aufgrund der hohen Schülerzahl musste bereits im Jahre 1917 eine dritte Klasse eingerichtet werden. Nachdem Marzahn im Jahre 1920 in Berlin eingemeindet wurde, erhielt die Marzahner Schule die Bezeichnung 13. Volksschule des Bezirkes Lichtenberg. Von 1933 bis 1934 wurden die beiden Lehrerwohnungen im Obergeschoss der Schule zu weiteren drei Klassenräumen umgestaltet. Nachdem im Juli 1938 die 19. Volksschule in Hellersdorf aufgelöst und die dortigen Schulkinder nach Marzahn umgeschult wurden, hatte diese Schule sieben Klassen mit 292 Schulkindern. Im Jahre 1977 wurde der Unterricht in dieser Schule beendet.
Seit 1999 beherbergt das rekonstruierte Schulgebäude das Marzahner Bezirksmuseum.
Die Biesdorfer Volksschule
Das Biesdorfer Küsterhaus hatte den Dreißigjährigen Krieg nicht unbeschadet überstanden. Es wurde um 1668 neu aufgebaut und diente dann auch als Schulhaus. Im Jahre 1679 kam der Saalfelder Küster Kühne nach Biesdorf, um dem Pfarrer und der Kirche treu zu dienen und "die liebe Jugend im Beten, Lesen und Schreiben seinem besten Verstande nach mit Fleiß zu informieren". In einem Bericht von 1770 wird das Schulgeld in Höhe von 6 Pfennigen pro Woche und Kind bestätigt, "so es aber Schreiben lernt" , sollte es 1 Groschen bezahlen. Im Jahre 1801 erfahren wir erstmals etwas über die Anzahl der Biesdorfer Schulkinder. Ein entsprechendes Verzeichnis gibt in Biesdorf 21 Familien mit 35 schulfähigen Kindern an; 18 Knaben und 17 Mädchen. Das jüngste Schulkind war fünf Jahre alt.
Da die Wohnstube des Küsters und Schulmeisters zugleich auch Schulstube war, waren die Verhältnisse sehr beengt. In einem Schreiben von 1832 heißt es deshalb: "die Gemein[d]e sehnt sich nach einem neuen geräumigen Schulhause, welches hier ein wahres Bedürfnis ist."
Am 9. April 1839 brach auf dem Biesdorfer Gut ein Feuer aus, dem fast das ganze Dorf zum Opfer fiel. Auch das Schul- und Küsterhaus wurde zerstört. Es stand auf dem Anger, jedoch östlich der Kirche. Der Wiederaufbau verzögerte sich, da er an der alten Stelle, "polizeilich nicht für zulässig erachtet" wurde und deshalb ein geeigneter Platz gefunden werden musste. Nachdem für mehrere Stellen Projektierungsarbeiten erfolgt waren, entschloss man sich endlich für die Stelle des abgebrannten Krugguts, westlich der Kirche. Im Jahre 1842 erfolgte dann die Fertigstellung des neuen Schul- und Küsterhauses, jedoch nur die östliche Hälfte des heute noch vorhandenen Schulhauses auf dem Biesdorfer Anger. Der Anbau der westlichen Hälfte wurde erst 1880 fertiggestellt.
Von 1860 bis zu seiner Pensionierung 1870 "erhielt der Lehrer Wiehl wegen zunehmender Schwäche und starker Vermehrung der Schulkinder einen Hülfslehrer." Im März 1875 erfahren wir, dass die Schule nun zweiklassig ist. Von den 175 Schulkindern besuchen 74 die Oberklasse, 101 die Unterklasse. Der zweite Lehrer Klatte, der am 1. Oktober 1880 in Biesdorf eintreffen sollte, war jedoch erkrankt und verstorben. Der neue Lehrer Gollin konnte erst am 3. Mai 1881 in dieses Amt eingeführt werden. Nach einem Bericht vom 28. März 1895 gab es nun drei Klassen mit 144 Schulkindern. Doch damals besuchten die jüngsten Schüler die III. und die ältesten Schüler die I. Klasse.
Am 1. Juli 1903 bekam die Biesdorfer Schule eine vierte Klasse und einen dritten Lehrer. Aus der zweiten Lehrerwohnung wurde ein drittes Schulzimmer. Wohl im Jahre 1906 war die Schule im Wuhlgarten der Biesdorfer Schule angeschlossen worden. Am 1. Oktober 1908 wurde an der Schule eine vierte Lehrerstelle eingerichtet. Am 1. März 1909 wird sogar über eine V. Klasse berichtet. Da auch in den folgenden Jahren ein weiteres Anwachsen der Schülerzahl zu erwarten war, am 25. Mai 1909 waren es bereits 278 Schüler, entschloss man sich zu einem Schulneubau. Am 24. September 1910 erfolgte die Grundsteinlegung und am 9. Oktober 1911 die Einweihung des neuen Schulhauses an der heutigen Schulstraße. Am 10. Oktober 1911 fand eine Lehrer-Neubesetzung in der nun siebenstufigen Schule statt; die Zahl der Schulkinder war inzwischen auf 325 angestiegen. Das alte Schulhaus auf dem Anger wurde zum evangelischen Gemeindehaus mit Kindergarten umgestaltet.
Von 1928 bis 1929 entstand ein beiderseitiger Schulhaus-Anbau. Die Biesdorfer Schule galt nun als eine der modernsten von Groß-Berlin. Sie enthielt außer den 14 Klassenzimmern fast alle nur wünschenswerten Nebenräume. Mitte der dreißiger Jahre war die Zahl der Schulkinder auf 743 angewachsen, so dass die Schule, die nach der Eingemeindung nach Berlin die Bezeichnung 31. Volkschule des Bezirkes Lichtenberg erhielt, geteilt werden musste. Ein gutes Drittel der Schüler und Lehrkräfte wurde 1934 als 17. Schule des Bezirkes im ehemaligen Kinderhaus der Krankenanstalt Wuhlgarten untergebracht. Doch bereits im Jahre 1939 - die Schule im Wuhlgarten war Lazarett geworden - wurde die 17. Schule wieder in die 31. Schule eingegliedert. Aufgrund ständiger Luftangriffe auf Berlin wurde am 15. Februar 1944 offiziell die gesamte Unterrichtstätigkeit im Stadtbezirk Lichtenberg eingestellt. Nachdem am 22. April 1945 sowjetische Truppen Biesdorf besetzten, wurde in der Schule ein sowjetisches Lazarett eingerichtet. Von Juni bis August 1945 fand daher der Unterricht in Biesdorf-Nord im Freien und in Biesdorf-Süd im Altersheim, in der Gaststätte "Zum Waldkrug" in der Köpenicker Straße sowie in einer Baracke in der Warmbader Straße statt.
Nach Freigabe und Renovierung wurde das Schulhaus am 27. August 1945 von den 720 Schulkindern wieder bezogen. Als Schulleiter wurde der langjährige Lehrer der Schule, Ernst Sonnenburg, eingesetzt.
Jürgen Wolf
Die vier Mühlen von Marzahn
Ursprünglich war das Dorf Marzahn zu den Mühlen am Berliner Mühlendamm mahlpflichtig. Ab 1712 wurde es der Bockwindmühle in Ahrensfelde zugeordnet. Nachdem sich Kolonisten aus der Pfalz angesiedelt hatten, äußerten diese im Jahre 1765 den Wunsch nach einer eigenen Mühle. Der weite Weg nach Ahrensfelde sollte unnötig werden. Von der Kurmärkischen Regierung wurde ihnen jedoch der Bau damals verweigert und die Beibehaltung des Mahlzwangs zur Ahrensfelder Mühle auferlegt.
Erst im Jahre 1815 wurde der Bau einer Bockwindmühle zu Marzahn ausgeführt. Bald darauf starb der erste Müller, Christian Friedrich Krüger. Sein Sohn verlor 1825 nach vierjährigem Rechtsstreit die Mühle durch eine Zwangsversteigerung. Ab 1825 betrieb und besaß der nach Marzahn gekommene Mühlenmeister Johann Gottfried Scholz die Mühle und das damals immerhin ca. 52 Hektar große Kolonistengut. Der Wohnsitz der großen Familie Scholz befand sich nicht nur auf dem Stammgut an der Mühle, in der späteren Dorfstraße 14 d/e, sondern auch im Hause Dorfstraße 7 (heute: Alt- Marzahn 45). Die Mühlsteine in der Treppe am Vordereingang des Wohnhauses erinnern heute noch daran. In den Jahren 1855 und 1858 verkaufte der Mühlenmeister Scholz den größten Teil seines Landbesitzes an die Marzahner Bauern.
Sein Sohn Theodor erbte die Mühle im Jahre 1867 und veräußerte sie schon nach einem Jahr an den Mehlhändler Johann Groh, der zuvor schon Teile des Scholzschen Landbesitzes erworben hatte. Mühlenmeister Groh ließ im Jahre 1873 die zweite Mühle bauen. Aber schon 1875 verkaufte er sie an den Berliner Mühlenmeister Carl Christian Müller und dieser wiederum 1880 an den aus Rixdorf stammenden Müller Ferdinand August Hirschel. Unter dem neuen Besitzer wurde die Mühle im Jahre 1894 umfassend modernisiert. Vor allem erhielt sie anstelle der alten Türenflügel, die nur bei Stillstand der Mühle bedient werden konnten, selbstregelnde und im Betrieb verstellbare Flügel nach dem System Hecht. Der Gebrauchswert der Mühle wurde dadurch stark gesteigert, denn der Müller war so in der Lage, ohne Betriebsunterbrechung die Leistung der Flügel dem augenblicklichen Bedarf seiner Müllereimaschinen anzupassen. Darüber hinaus konnte bei plötzlichen Windböen die Drehzahl der Mühlenflügel automatisch annähernd konstant gehalten werden, was auch die Betriebssicherheit an dem recht windigen Mühlenstandort erhöhte.
Allen Marzahner Mühlenmeistern war gemeinsam, dass sie in ortsansässige Bauernfamilien einheirateten und so allmählich in das Dorf integriert wurden. Ihre wirtschaftliche Existenz war ständig in Gefahr. Mit der Aufnahme von Hypotheken auf ihren Besitz versuchten sie, der Schwierigkeiten Herr zu werden. Dem Müller Hirschel wurde dieses zum Verhängnis, er gab nach einer Zwangsvollstreckung den Mühlenbetrieb im Jahre 1899 an den Mühlenmeister Maximilian Georg Triller ab.
Dieser hatte die Hirschelsche Mühle nur gepachtet. Im Jahre 1907 erwarb Meister Triller Land und setzte eine 1791 in Bernau erbaute Mühle auf den neuen Standort um. Ein aus Konkurrenzgründen durchgeführter Brandanschlag auf die seit 1908 in Betrieb befindliche neue Mühle schlug 1910 fehl.
Im Jahre 1912 errichtete Triller eine erste Windkraftanlage zur Stromversorgung seines Wohnhauses am Riversweg 26 (damals: Straße 13, heute: Allee der Kosmonauten auf der Anhöhe an der Schragenfeldstraße). Die Maschine stammte aus der Serienproduktion der Vereinigten Windturbinenwerke Meißen und wurde von Triller selbst montiert. Die elektrische Leistung betrug 3-4 kW. Im Jahre 1920 überließ der Vater seinem Sohn Richard (geb. 1896) Betrieb und Grundstück und zog mit seiner Frau in das Haus Alt- Marzahn 46.
Richard Triller experimentierte mit verschiedenen Flügelkonstruktionen und setzte sich dazu mit dem Windkrafttechniker Kurt Bilau in Verbindung. Die Trillers versuchten sogar den Einbau von Ventikantenflügeln an ihrer Mühle. Diese Flügelform wurde von Kampfflieger Major Bilau aus der Flugzeugtragfläche entwickelt. Sie ist sehr leistungsfähig, überfordert aber in der Regel die bauliche und mechanische Substanz der alten Windmühlen. Dies wird wohl der Grund sein, weshalb Richard Triller seit 1940 den Bau eines Windkraftwerkes an der Mühle plante. In Zusammenarbeit mit der Reichsarbeitsgemeinschaft "Windkraft", wurde dieser Turm schließlich 1943 errichtet. Er war ca. 26 m hoch, aus Stahl und mit einem Drehflügelkreuz von 13 m Durchmesser ausgerüstet. Die elektrische Leistung betrug 18 kW. Das "System Triller" ermöglichte erstmalig und zuverlässig den Betrieb von gegen Geschwindigkeitsänderungen empfindlichen Arbeitsmaschinen auch bei wechselnden Windverhältnissen.
Das Neuartige an dieser Anlage war der später patentierte Verbundbetrieb zwischen Windkraftanlage, Stromnetz mit Batterie und Mühle. Das Windkraftwerk Triller, das zugleich die offizielle Versuchsanlage der Reichsarbeitsgemeinschaft "Windkraft" war, gilt als das erste Bodenwindkraftwerk (Kleinanlage), mit dem der Versuch zur Einspeisung von Drehstrom von einem Asynchrongenerator in ein Drehstromnetz mit vollem Erfolg gelungen ist. Nach dem Kriege versorgte das unversehrt gebliebene Windkraftwerk sogar das Dorf Marzahn bzw. die sowjetische Kommandantur mit Strom. Die Mühle war bis etwa 1958 in Betrieb. Der Müllermeister konnte damals noch den Mühlenturm massiv ummauern und mit einer modernen pneumatisch fördernden Roggenmühle ausstatten. Mit ihr war die Herstellung von 4 bis 5 Tonnen Roggenmehl täglich möglich. Im Jahre 1957 starb Richard Triller. 1978 wurde die inzwischen verfallene Mühle bei den Bauvorbereitungen für das neue Wohngebiet der Großsiedlung gesprengt. Die ersten beiden Mühlenstandorte sind ebenso wie die einstige Bäckerei Triller im Bereich des heutigen 2. Gymnasiums überbaut worden.
Am 31. März 1982 wurde dem Ost-Berliner Magistrat vorgeschlagen, eine Windmühle in das Konzept der Rekonstruktion des Dorfkerns Marzahn einzuordnen. Dazu sollte aus dem Umland eine Holländermühle erworben, für zwei Millionen DDR-Mark umgesetzt und auf dem Standort des heutigen Parkplatzes am westlichen Dorfende als Restaurant mit Mühle genutzt werden. Doch von 22 anvisierten Mühlen konnte keine für Berlin erworben werden.
Im Jahre 1987 wurde aus Kostengründen die Umsetzung einer Bockwindmühle beschlossen und der heutige Standort der Mühle festgelegt. Damals wurden schon die Aufschüttungen des ca. 6 m hohen Mühlenberges aus Bauschutt ausgeführt, der 1992 seine endgültige landschaftliche Gestaltung erhielt.
Schließlich begann 1993 nach dem Scheitern der Umsetzung der schon an Berlin verkauften Luckower Bockwindmühle der Neubau der heutigen vierten Bockwindmühle Marzahn durch den holländischen Mühlenbauer Harrie Bejk, im Mai 1994 war sie fertig. Aus Roggen, Weizen und Dinkel werden seit der Neueinrichtung der Mühle als produzierendes Museum über 25 verschiedene Produkte mit zwei Steinmahlwerken ermahlen. Die Leistung beträgt bis zu 1.000 kg Mehl pro Tag. Der Weg vom Korn zum Brot kann durch die Vorstellung des "einzigen Getreideackers von Marzahn" auf dem Mühlenberg mit diversen Getreidearten und die Besichtigung der Backstube der Fa. Engel im Dorfe Marzahn vollständig dargestellt werden.
Am 28. Oktober 1998 wurden die Mühlenflügel bei einem Sturm stark beschädigt. Durch Spenden und Eigenleistung des Marzahner Mühlenvereins konnten - als Geschenk zum 20. Jubiläum des Bezirkes Marzahn - die Flügel bis Ostern 1999 ersetzt werden. Ihr Durchmesser beträgt seitdem 20,5 m.
Mehr als 120.000 "Mahlgäste" besuchten die Mühle seit der Eröffnung 1994. In der Mühle finden auch Trauungen statt, im Juli 2000 war es bereits das 40. Brautpaar, das diese ungewöhnliche Möglichkeit nutzte. Nach mittelalterlichem Brauch spricht der Müller das Hochzeitsgeleit, und reicht Brot und Wein zur ersten gemeinsamen Mahlzeit.
Anm. d. Hrsg.: Am 7. Juni 1997 wurde dem Marzahner Müller Jürgen Wolf, der die Mühle seit ihrer Fertigstellung betreut, durch die Deutsche Gesellschaft für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung (DGM) e.V. der Deutsche Mühlenpreis verliehen.
Dr. Lutz Prieß
Wilhelm von Siemens in Biesdorf
Wilhelm von Siemens war ab 1888 wohl der berühmteste Einwohner von Biesdorf. Es ist uns überliefert, dass er gern in Biesdorf lebte und die Momente der Ruhe und Zurückgezogenheit in seinem Haus genoss. Es war im Jahr 1904, als er mit den Worten "lebte ich einsam in Biesdorf" seiner momentanen Stimmung Ausdruck verlieh. Aber nicht Ruhe und Einsamkeit kennzeichneten das Leben dieses Mannes, sondern eher eine stete geistige Unrast. Im gleichen Atemzuge äußerte er nämlich, dass er sich "in einer durch Arbeit und Nachdenken angeregten Stimmung" befinde. Wenn Wilhelm von Siemens diese "angeregte Stimmung" so betonte, dann können wir wohl mit Fug und Recht annehmen, dass er nicht nur Ruhe und Zurückgezogenheit in Biesdorf suchte. Hier in Biesdorf entwickelte Wilhelm von Siemens zahlreiche neue Ideen, die er im Unternehmen Siemens & Halske, in Forschungslabors und technischen Versuchsanstalten, in Patenten und Schriften umsetzte, nicht zuletzt auch zum Wohle der Gemeinde Biesdorf.
Wilhelm von Siemens erblickte am 30. Juli 1855 in Berlin das Licht der Welt. Er war der zweitälteste Sohn des Ehepaares Werner (1816 - 1892) und Mathilde Siemens (geborene Drumann ). Er wurde zwar auf den Namen Georg Wilhelm getauft, ging aber als Wilhelm von Siemens in die Geschichte ein. Neben dem zwei Jahre älteren Bruder Arnold (1853 - 1918) hatte Wilhelm noch vier jüngere Geschwister: drei Schwestern - Anna (1858 - 1919), Käthe (1861 - 1949) und Hertha (1870 - 1939) - sowie einen jüngeren Bruder Carl Friedrich (1872 - 1941). Carl Friedrich - das "Nesthäkchen" der Familie - wurde im Jahr 1919 der Nachfolger von Wilhelm von Siemens in der Firmenleitung der Siemens & Halske AG. Die beiden jüngsten Geschwister entstammten der zweiten Ehe des Vaters mit Antonie Siemens. Mathilde Siemens war bereits im Jahre 1865 an einem Lungenleiden verstorben, als Wilhelm gerade zehn Jahre alt war.
Die Kindheit und Schulzeit verlebte Wilhelm Siemens in Charlottenburg. Er besuchte das Gymnasium , musste aber aus gesundheitlichen Gründen in einem milderen Klima die Schule fortsetzen und kam so nach Straßburg im Elsaß . Willy, wie er von seinem Vater genannt wurde, konnte aus gesundheitlichen Gründen die Schule in Straßburg nicht beenden. Der Schulabbruch bedeutete für ihn aber keineswegs das Ende des Strebens nach Bildung, im Gegenteil. Sehr zur Freude seines Vaters zeigte er in den nächsten Jahren "Tüchtigkeit und ernstes Streben" . Er bereitete sich durch Privatunterricht auf sein Abitur vor und besuchte noch vor seinem eigentlichen Studium in Heidelberg und Leipzig Vorlesungen an der Berliner Universität über Experimentalphysik.
Nach seinem einjährigen militärischen Dienst bei den Ulanen in Stuttgart , begann er 1876 in Leipzig Mathematik und Naturwissenschaften zu studieren . Bald darauf setzte er sein Studium in Berlin fort. Doch sein Interesse galt nicht allein der Theorie. Er entschied sich ebenso wie sein Bruder Arnold für eine praktische Tätigkeit in der Firma des Vaters. Im Alter von 24 Jahren begann Wilhelm Siemens seine Laufbahn in den Siemens-Werken. Der Vater war schon bald bestrebt, den Söhnen Arnold und Wilhelm die geschäftliche Leitung des Unternehmens zu übertragen. Wilhelm spürte rechtzeitig die neuen Herausforderungen auf sich zukommen. Im Jahr 1884 teilte er seinem 68jährigen Vater in einem Brief mit: "Ich glaube, dass meine Schultern ziemlich viel tragen können, und ich sehne mich nach einem verantwortungsvollen Posten."
Nicht nur beruflich, auch persönlich war Wilhelm in den Jahren gereift. Nach fast zweijähriger Verlobungszeit schloss Wilhelm Siemens am 21. Juni 1882 mit seiner aus Ostpreußen stammenden Braut Elly den Bund der Ehe. Im Jahr 1885 kam ihr erstes Kind zur Welt - Sohn Wilhelm Ferdinand. Drei Jahr später zog die junge Familie nach Biesdorf. Hier wurde am 31. Juli 1888 ihre Tochter Mathilde Eleonore Eveline geboren. Das Jahr 1888 hat noch eine andere Bedeutung für die Familiengeschichte. In diesem Jahr wurde der Vater Werner Siemens von Kaiser Friedrich III. in Anerkennung seiner Verdienste in den erblichen Adelsstand erhoben. Seither trägt die Familie den Namen "von Siemens".
Im Jahr 1892 verstarb der Firmengründer Werner von Siemens. Er hatte bereits am 1. Januar 1890 die Geschäfte der Firma in die Hände seines Bruders Carl und seiner Söhne Arnold und Wilhelm übergeben. In den darauffolgenden Jahren wurde Wilhelm an der Seite seines Onkels Carl und seines Bruders Arnold zur "treibenden Kraft" bei der Erneuerung des zuvor noch sehr patriarchalisch geführten Unternehmens. Bis 1914 wurden die Siemens-Werke mit ca. 82.000 Beschäftigten das größte Elektrounternehmen weltweit. Dazu trug entscheidend die Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft bei, wofür Wilhelm von Siemens in den Jahren zwischen 1890 und 1897 die Weichen gestellt hatte.
Der Name Wilhelm von Siemens ist aber nicht nur eng mit der Entwicklung der Siemens-Werke verbunden, sondern steht auch für die Förderung innovativer Ideen in Forschung und Technik. Die Entwicklung der Beleuchtungstechnik, von Drehstromantrieben für die Bahn, drahtgebundener und drahtloser Telegrafie, von akkubetriebenen Autos und andere Forschungs- und Entwicklungsleistungen unter Wilhelm von Siemens, die in die Technik-Geschichte eingegangen sind, können hier nicht näher dargestellt werden. Für sein Wirken auf dem Gebiet der Elektrotechnik und Unternehmensführung ist Wilhelm von Siemens zu Lebzeiten vielfach gewürdigt worden. Doch Wilhelm von Siemens war nicht nur ein erfolgreicher Forscher und Unternehmer, er engagierte sich zugleich - auch in Biesdorf - für die Belange der Allgemeinheit.
Für die Gemeinde Biesdorf, die Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts ca. 900 Einwohner zählte, war der Zuzug der Familie von Siemens ein großer Gewinn. Und das nicht nur, weil die Familie der größte Steuerzahler der Gemeinde war (ca. dreißig Prozent des Steueraufkommens der Gemeinde). Biesdorf war von nun an das familiäre Zentrum des Erfinders und Unternehmers Wilhelm von Siemens. Das Engagement der Familie von Siemens beschränkte sich in Biesdorf keinesfalls nur auf das Private, auf das Schloss und den Park. Gleichzeitig gehörte der Familie auch das Gut Biesdorf und als Gutsherr war Wilhelm von Siemens gleichzeitig "Kirchenpatron". Somit trug er auch zur Pflege und Förderung des kirchlichen Lebens bei. Die Chronik der evangelischen Kirchengemeinde Biesdorf überliefert uns den Beitrag Wilhelm von Siemens zum notwendigen Umbau der Kirche in den Jahren 1897/98, an der damals der Zahn der Zeit schon tüchtig genagt hatte. Wilhelm von Siemens übernahm mit 8 850 Reichsmark einen Teil der Umbaukosten von Kirche und Turm.Er bot auch an, die Kirche elektrisch zu beleuchten. Bekanntlich war die Weiterentwicklung der Glühlampe - einer Beleuchtungsquelle, die damals noch nicht in jedem Haushalt so selbstverständlich war wie heutzutage - ebenso ein Hauptarbeitsgebiet von Wilhelm von Siemens wie die Beschäftigung mit Dreh- und Wechselstrom. Daher war es für ihn naheliegend, sein Wohnhaus in Biesdorf ebenfalls zu elektrifizieren. Vor 100 Jahren war elektrisches Licht noch ein Luxus für die wohlhabende Bevölkerung bzw. die Prachtstraßen in Berlin und anderen Großstädten. Nun sollte der technische Fortschritt auch in der Kirche Einzug halten. Die Kirchengemeinde äußerte damals jedoch die Bitte, der Kirche stattdessen eine neue Orgel zu schenken. Wilhelm von Siemens kam dieser Bitte nach und erklärte sich zusätzlich bereit, die Kosten für die Installation der elektrischen Beleuchtung zu übernehmen. Den dafür notwendigen Strom lieferte ein eigenes Elektrizitätswerk des Gutes. Das E-Werk ermöglichte auch den Einsatz von elektrischen Pumpen und Motoren auf dem Gut, was um die Jahrhundertwende sicher zu den technischen Sensationen in Biesdorf gezählt haben dürfte. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass Wilhelm von Siemens bis zum Anschluss Biesdorfs an das Lichtenberger E-Werk im Jahr 1914 den Strom für die Kirche unentgeltlich zur Verfügung stellte.
Es bedarf sicher noch der weiteren Erforschung und Dokumentation, wie andere Entscheidungen von Wilhelm von Siemens auf die Entwicklung in der Gemeinde Biesdorf eingewirkt haben. Bekannt ist u. a. die Schenkung einer Fläche von einem Hektar Größe für die Erweiterung des Gemeindefriedhofes in Biesdorf. Auch ein anderes Beispiel ist den Einwohnern von Biesdorf in guter Erinnerung geblieben. Im Jahr 1912 unterstützte die Familie von Siemens den Umbau der ehemaligen Dorfschule zum evangelischen Gemeindehaus und Kindergarten durch ein Darlehen in Höhe von 5000 Reichsmark zu 4% Zinsen, wobei die Zinszahlungen wiederum der Gemeindediakonie und dem Kindergarten zufließen sollten. Und Elly von Siemens engagierte sich in Biesdorf durchaus zeitgemäß in der evangelische Frauenhilfe und dem Vaterländischen Frauenverein.
Auf den zum Siemens-Besitz gehörenden Flächen in und um Biesdorf wurden auch Firmeninteressen wahrgenommen. Wilhelm von Siemens soll Überlieferungen zufolge auf dem Schlossturm mit drahtloser Telegrafie experimentiert und in der Lindenallee des Schlossparkes angeblich Probefahrten für die erste deutsche elektrische Eisenbahn unternommen haben.
In Biesdorf wurde durch Wilhelm von Siemens kurzzeitig sogar internationale Luftfahrtgeschichte geschrieben. Bekanntlich ließ Wilhelm von Siemens auch Flugzeuge und Flugzeugmotoren in seinem Werk fertigen und sogar Luftschiffe. Für den 118 m langen Prototyp eines neuen Luftschiffes gab es aber in Berlin keine Produktions- und Wartungshalle. Also ließ er in Biesdorf-Süd, auf einer Freifläche seines Gutes, durch Karl Janisch die erste drehbare Luftschiffhalle der Welt erbauen. Die Konkurrenten mit ihren so genannten Unstarr- bzw. Prall-Luftschiffen wie dem Zeppelin hatten lange vergeblich nach einer Lösung für eine von den Windverhältnissen unabhängige Unterbringung der riesigen Luftfahrzeuge in der Halle gesucht. Die Landung der Luftschiffe musste nämlich stets entgegen der Windrichtung erfolgen. Die Zeppelin-Variante - eine auf dem Bodensee schwimmende Halle - war für starke Winde und Stürme äußerst anfällig. In Biesdorf wurde die 135 m lange und 25 m breite und hohe Halle auf 8 Rollwagen gelagert, die mit ihren Laufrädern auf in Beton eingelassenen Schienen bewegt werden konnten. Dadurch konnte die Halle immer in die richtige Windrichtung gedreht werden.
In dieser seinerzeit modernsten Luftschiffhalle der Welt erfolgte gleichzeitig die Endmontage des Siemens-Schuckert-Luftschiffs, kurz SSL genannt. Am 23. Januar 1911 stieg das erste Luftschiff über Biesdorf auf. Die Jungfernfahrt endete nach knapp 43 Minuten. Es war damals das schnellste Luftschiff der Welt mit einer erreichten Geschwindigkeit von ca. 70 km/h. Obwohl durch erfolgreiche Testfahrten zum SSL 2 weiterentwickelt, wurde der Luftschiffbau schnell wieder eingestellt. Der Zeppelin hatte sich seinerzeit als die bessere Konstruktion erwiesen.
Die Biesdorfer Luftschiffhalle diente bis zum Jahr 1919 militärischen Zwecken. Sie musste danach gemäß Versailler Vertrag demontiert werden. Doch damit waren die Visionen von Wilhelm von Siemens längst nicht überlebt. Wie diese Ideen heute wieder aufleben, zeigt das in der Ortschaft Brand im Land Brandenburg angesiedelte Zukunftsprojekt "CargoLifter".
Am 14. Oktober 1919 verstarb Wilhelm von Siemens im Alter von 64 Jahren fernab von Biesdorf in Arosa in der Schweiz, nur wenige Monate nach dem Tode seiner Ehefrau. Die Grabstätte von Wilhelm von Siemens befindet sich nicht in Biesdorf, sondern in Stahnsdorf.
Die Spuren des Wirkens von Wilhelm von Siemens sind niemals verblasst. In Berlin kündet nicht zuletzt die hundertjährige Siemensstadt davon, dass Wilhelm von Siemens neben der Entwicklung eines zusammenhängenden Industriegebietes auch der Entstehung sozialer Wohnsiedlungen sowie von Freizeit- und Sozialeinrichtungen für die Beschäftigten der Siemens-Werke große Aufmerksamkeit schenkte. Ein Zusammenhang, wie er auch heute noch in Marzahn, Hellersdorf und anderswo aktuell ist.
Das Lebenswerk von Wilhelm von Siemens ist natürlich umfangreicher, als hier dargestellt werden konnte. Die wenigen genannten Beispiele seines Wirkens zeigen uns allerdings das Gegenteil von einem ruhigen, beschaulichen oder gar einsamen Leben in Biesdorf. Doch noch wissen wir zu wenig über die konkreten Lebensumstände der Siemens-Familie im Zusammenhang mit dem Leben in der Gemeinde Biesdorf. Mit Unterstützung des Siemens'schen Firmen- und Familien- Archivs hoffen wir auf einen Zugewinn an Kenntnissen. Dass der Urenkel von Wilhelm von Siemens, Herr Dr. Peter von Siemens, mit seiner Gemahlin den Biesdorfer Tag der Regional- und Heimatgeschichte am 27.05.00 besuchte, ist ein schöner Beweis dafür, dass Biesdorf auch bei der Familie von Siemens nicht vergessen ist.
Wie aus der Beschäftigung mit der Regional- und Heimatgeschichte von Biesdorf zu erkennen ist, inspirierte das Leben in Biesdorf den Forscher, Unternehmer und Familienvater Wilhelm von Siemens zu bedeutenden wissenschaftlichen, unternehmerischen, technischen, sozialen, aber auch zu ganz persönlichen Entscheidungen. Dem intensiver nachzugehen, hat sich der Förderverein für das Bezirksmuseum Marzahn e. V. vorgenommen. Darüber hinaus bereiten in diesem Jahr Schüler, Lehrer und Eltern aus Biesdorf und Marzahn den Einzug in das neu erbaute 7. Gymnasium an der Allee der Kosmonauten 147 vor, das sich um den verpflichtenden Namen "Wilhelm von Siemens" bewirbt.
Von Wilhelm von Siemens sind folgende Worte überliefert, die auch für sein Leben und Wirken in Biesdorf stehen: "Der einzelne muss sein Leben so führen, dass es die anderen Menschen gutheißen können, dass die menschliche Gesellschaft eine fortschrittliche Richtung befolgen kann. Das Ideal verlangt hier Sympathie, Liebe, Rücksicht, Aufopferung, Arbeit, welche der Gesamtheit nützlich ist, allgemeine Förderung."
Dorothee Ifland
Dr. Arno Philippsthal
In Biesdorf und den umliegenden Dörfern ist der jüdische Arzt Dr. Arno Philippsthal (1887 - 1933) auch heute noch ein Begriff. Ehemalige Patienten und deren Familien erzählen mit Wärme und Hochachtung von ihrem früheren Hausarzt, beschreiben ihn als überaus beliebten Bürger und erfolgreichen Mediziner. Eine Gedenktafel am früheren Wohnhaus und Praxisgebäude in der heutigen Oberfeldstraße 10 und ein Gedenkstein auf dem Gelände der Sozialeinrichtung am Grabensprung halten die Erinnerung an ihn auch öffentlich wach. Dennoch ist das konkrete Wissen über sein Schicksal häufig gering. Wer war dieser Mann, dessen früher, gewaltsamer Tod am 3. April 1933 große Erschütterung auslöste? Wie wurde er zu einem der ersten jüdischen Opfer des SA-Terrors in Berlin?
Arno Philippsthal wurde am 13. September 1887 als erstes von 5 Kindern des Kaufmanns Ferdinand Philippsthal und seiner Frau Minna, geb. Pels, in Güsten/Anhalt geboren. Er besuchte das Gymnasium im nahe gelegenen Bernburg, wo er Ostern 1907 das Abitur ablegte, um dann unmittelbar zum Sommersemester das Studium der Medizin in München aufzunehmen. Seine Eltern und die Geschwister Ruth, Herbert und Erwin - eine Schwester war früh gestorben - zogen im selben Jahr nach Charlottenburg bei Berlin.
Auch Arno hielt es nicht lange in München, im Wintersemester 1907/08 war er bereits an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin eingeschrieben. Die Eltern, denen es finanziell nicht besonders gut ging, mussten sich sehr anstrengen, um ihren Ältesten studieren zu lassen. Er hat dafür später seinen zwei Brüdern das Studium finanziert und auch den Vater nach dem Tod der Mutter unterstützt. Im Februar 1912 beendete Arno Philippsthal sein Studium, im Juli 1913 wurde er approbiert. Während der Tätigkeit als Assistenzarzt am Krankenhaus Hasenheide arbeitete er an seiner Dissertation "Erfahrungen mit Atropinschwefelsäure". Zum Zeitpunkt der Promotion an der Universität Leipzig im November desselben Jahres wohnte Philippsthal schon in Rogasen, Provinz Posen, wo er seine ärztliche Tätigkeit aufnahm.
Dort lernte er seine spätere Frau Eva, geb. Hahn, kennen, die aus einer begüterten jüdischen Familie kam. Bereits im August 1914 - also zu Beginn des Weltkrieges - trat Philippsthal in den militärärztlichen Dienst ein. Eva Hahn meldete sich freiwillig als Sanitäterin und arbeitete bis zur Hochzeit im September 1916 als Hilfsschwester im Kriegslazarett ihrer Heimatstadt. Ihr Mann blieb den ganzen Krieg über im Einsatz und wurde für seine Leistungen mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse ausgezeichnet.
Im Dezember 1918 kehrte er nach Hause zurück, entschloss sich aber schnell, Rogasen zu verlassen, weil er "nicht Pole werden wollte". Er orientierte sich auf Berlin und fand im Vorort Biesdorf, Marzahner Str. 10, Wohn- und Praxisräume. Am 30. Januar 1919 vermerkt das Protokollbuch der Gemeindevertreter, dass sich Arno Philippsthal als praktischer Arzt niedergelassen hat. Einige Wochen später traf auch Eva in Biesdorf ein, im Spätsommer desselben Jahres kam die Tochter Ursula zur Welt.
Arno Philippsthal fasste beruflich schnell Fuß. Der Patientenstamm wuchs mit steigenden Bevölkerungszahlen in Biesdorf und den umliegenden Ortsteilen rasch an. Um den Kranken unnötige Wege zu ersparen, führte der Arzt manche chirurgischen Eingriffe selbst durch, zog schon mal einen Zahn und kümmerte sich - wenn ein Kind sich hilfesuchend an ihn wandte - auch um den bandwurmgeplagten Hund. Die Tochter erinnert sich: "Tag und Nacht stand er zur Verfügung seiner Patienten. Manchmal machte er bis zu dreimal in der Nacht Besuche bei Kranken. Er hatte damals ein Fahrrad, mit dem er bis Kaulsdorf fuhr." Später schaffte er sich ein Auto an, um die zunehmenden Hausbesuche bewältigen zu können.
Nicht nur die ärztlichen Leistungen verschafften Philippsthal Anerkennung. Zeitzeugen heben auch seine menschlichen Qualitäten hervor, die freundliche und fürsorgliche Art, mit der er sich um seine Patienten kümmerte. Sein Engagement ging offenbar weit über das Übliche hinaus. So machte er z.B. Honorarforderungen von den finanziellen Verhältnissen seiner Patienten abhängig. Mancher kam auf diese Weise sogar in den Genuss kostenloser Behandlung. Daneben war Philippsthal auch Bahnarzt für den Bezirk Friedrichsfelde-Marzahn, bildete Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr Biesdorf für den Sanitätsdienst aus und wurde bei Unfällen hinzugezogen.
Dass er auch in die alltäglichen Belange der Gemeinde involviert war, belegt eine kleine Episode. Während der Weltwirtschaftskrise geriet die damals existierende Biesdorfer Bank in Zahlungsschwierigkeiten. Eine Gläubigerversammlung am 12. Januar 1931 nahm einem Pressebericht zufolge einen dramatischen Verlauf. Mehrere der geschädigten Genossenschafter erlitten Nervenzusammenbrüche und verfielen in Schreikrämpfe. Der Artikel endet mit dem Hinweis: "Auf Anregung eines der Geschädigten, Dr. med. Philippsthal, wurde ein Ausschuss gewählt, der mit der Untersuchung der zum Zusammenbruch der Bank führenden Vorgänge beauftragt worden ist." Der Initiator arbeitete dann auch als Genossenschaftsvertreter selbst im Ausschuss mit, der die Liquidation der Bank durchführte.
Der Rechtsanwalt, Notar und Freund der Familie Philippsthal, Dr. Günther Grzimek, charakterisiert den Arzt 20 Jahre später folgendermaßen: "Er war ein außergewöhnlicher Mann, energisch, pflichtbewusst, von hohen Geistesgaben und regem öffentlichem Interesse. Er war auch zuverlässig und trat für das, was er als richtig erkannt hatte, offen ein."
Wenngleich sich Philippsthal also im direkten Umfeld engagierte und nach Aussagen vieler Zeitzeugen als "links" galt, so konnte nicht nachgewiesen werden, dass er auch politisch organisiert war. Weder eine Mitgliedschaft in KPD oder SPD noch - wie gelegentlich behauptet - im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold lässt sich nachweisen. Auch die Tochter schreibt: "So viel ich weiß, war mein Vater Sozialist, aber ob er Mitglied einer Partei war, entzieht sich meiner Kenntnis." In ähnlicher Weise scheint sein Verhältnis zum Judentum vorwiegend von innerer Überzeugung und Verbundenheit mit den jüdischen Werten geprägt gewesen zu sein. In der Erinnerung seiner Tochter war er "ein bewusster Jude". Über Aktivitäten in jüdischen Organisationen ist hingegen nichts bekannt.
So sehr Philippsthal allenthalben geschätzt wurde, so sehr er auch beruflich und wirtschaftlich erfolgreich war, dies alles konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Ehe nicht glücklich war. 1924 ließen sich Eva und Arno scheiden. Eva Philippsthal zog mit der Tochter zu ihren Eltern. Der Kontakt zwischen Arno Philippsthal und seiner Tochter blieb trotz der Trennung intensiv. Ursula kam, so oft es ging, nach Biesdorf, schaute dem Vater in der Praxis zu und begleitete ihn bei Krankenbesuchen. Dem Vorbild des Vaters nacheifernd, wollte sie sogar selbst Ärztin werden.
Das enge Verhältnis änderte sich auch nicht, als Philippsthal Ende 1927 wieder heiratete. Seine zweite Frau, Frieda, geb. Schrock, war im Unterschied zu Eva keine Jüdin. Ende 1928 wurde Tochter Gerda geboren, 1930 folgte Sohn Hans-Ferdinand. Frieda Philippsthal begann, sich für die Arbeit ihres Mannes zu interessieren, und ließ sich daher im medizinisch-technischen Bereich ausbilden. Zunehmend arbeitete sie in der gut laufenden Praxis, bei Patientenbesuchen und Operationen mit. Bereits Ende der zwanziger Jahre war die Familie in die Königsstraße (heute Otto-Nagel-Straße) umgezogen, da die Praxis ausgebaut und ein Röntgenzimmer eingerichtet wurde. Anfang der dreißiger Jahre plante Philippsthal sogar, eine eigene Klinik zu bauen und kaufte zu diesem Zweck das Grundstück Auguststr. 7 (heute Kulmseestr. 16). Baubeginn sollte der 1. April 1933 sein.
Doch dazu kam es nicht mehr. Kurz nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten muss es erste antisemitische Anfeindungen gegen den Arzt gegeben haben. Die Tochter aus erster Ehe schreibt: "Dunkel kann ich mich erinnern, dass meine Mutter schon einige Zeit vor seiner Verhaftung Mitte März 1933 gesagt hat, dass es für meinen Vater besser wäre, sogleich auszuwandern." Ob Arno Philippsthal dies ernst nahm, sich sogar vorstellen konnte, dass sein Leben bedroht war, ist nicht überliefert. Vermutlich hat er sich ziemlich sicher gefühlt. Was hatte ein erfolgreicher und beliebter Arzt, der so assimiliert lebte wie Arno Philippsthal, der zudem Weltkriegsteilnehmer war, schon zu befürchten?
Zwar hatte die NSDAP lange vor 1933 deutlich gemacht, was Juden, aber auch Kommunisten und andere politische Gegner unter der Herrschaft der Nazis zu erwarten hätten. Doch die Öffentlichkeit wollte lieber den Worten Hitlers Glauben schenken, dem es gelang, sich in seinen Reden maßvoll zu geben, während gleichzeitig eine Phase von offenem Terror und Willkür eingeläutet wurde. Den Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar nutzte die NSDAP als Vorwand, um Tausende politischer Gegner anhand vorbereiteter Listen verhaften zu lassen. Schnell richtete sich der Terror auch gegen Menschen, die auf irgendeine Weise als missliebig galten. Eine zentrale Rolle spielte neben der Polizei die SA, die schon am 22. Februar zur Hilfspolizei ernannt worden war. In aller Öffentlichkeit wüteten SA-Gruppen in den jeweiligen Ortsteilen, wobei auch manche "persönliche Rechnung" beglichen wurde. Arno Philippsthal wurde offenbar zu einem der ersten jüdischen Opfer dieses "wilden" Terrors in Berlin.
Am 20. und 21. März sollen in der Biesdorfer Lokalzeitung zwei Artikel erschienen sein, in denen Anschuldigungen gegen Dr. Philippsthal erhoben wurden. Zeitzeugen bestätigen, dass seinerzeit verschiedene Gerüchte im Umlauf waren. Er habe - so hieß es zum Beispiel - einer Patientin die Behandlung verweigert. Dabei könnte es um eine Abtreibung gegangen sein. Am häufigsten wird jedoch berichtet, dass Arno Philippsthal "vor der Machtübernahme einer Patientin gegenüber nazifeindliche Äußerungen getan" habe - nämlich, sie solle doch das Horst-Wessel-Lied singen, wenn ihr das helfe. Diese Geschichte sei in SA-Kreise weitergetragen und
schließlich als Vorwand für die Verhaftung benutzt worden.
Jedenfalls tauchten am frühen Nachmittag des 21. März mehrere SA-Männer in der Praxis auf und erklärten Dr. Philippsthal - ohne Begründung und ohne Haftbefehl - für festgenommen. Notgedrungen fuhr dieser im eigenen Wagen zum örtlichen Polizeiposten. Dort war man sich über das weitere Vorgehen offensichtlich unsicher. Ein Telefonat mit dem Polizeipräsidium ergab, dass der Arzt dorthin überstellt werden sollte. "Dieser Befehl ist jedoch nicht ausgeführt worden, vielmehr muss Herr Dr. Philippsthal von der Ortspolizei anderen, nichtamtlichen Organen ausgeliefert worden sein."
Irgendwann im Laufe des Tages wurde er - wahrscheinlich schon stark verletzt - in die SA-Kaserne in der General-Pape-Straße gebracht. In ihren Kellern befand sich eines der berüchtigtsten "wilden" KZs des Jahres 1933. Dr. Fritz Fränkel, ein jüdischer Nervenarzt, der in derselben Zelle festgehalten wurde wie Arno Philippsthal, gab später zu Protokoll: "Die Misshandlungen wiederholten sich die ganze Nacht über, man goss mir, während ich einen anderen fast zu Tode geprügelten Arzt (Dr. Philippsohn aus Biesdorf bei Berlin) untersuchen musste, einen Eimer mit Wasser über den Kopf. Dann erhielt der Schwerverletzte einen Eimer extra. (...) Abgesehen von dem persönlichen Leid wirkte schwer auf mich, dass ich die fortgesetzten Misshandlungen von anderen, mir unbekannten Menschen mit ansehen musste. (...) Man gab dem vorher erwähnten Arzt schweißige Socken zu kauen. Während der Schreie der Gepeinigten wurde im ersten Stock gesungen und Harmonika gespielt."
Am nächsten Tag, es war der 22. März, suchte ihn dort der bereits erwähnte Rechtsanwalt und Notar Dr. Grzimek auf. Im Keller des Portals 6, Block H, wurde ihm "auf einer Bahre, mit Tüchern zugedeckt, Dr. Philippsthal von einer Reihe von SA-Leuten hingebracht.(...) Er war offensichtlich sehr geschwächt, und ich glaube, auch Verletzungen im Gesicht bemerkt zu haben." Noch am selben Tag wurde der Geschundene als SA-Gefangener ins Urban-Krankenhaus eingeliefert. Auch dort besuchte ihn Dr. Grzimek noch einmal. Er durfte jedoch nur von der Türschwelle aus einen Blick auf Philippsthal werfen, der verbunden im Bett lag und sich nicht bewegte. Dort blieb er trotz der schweren Verletzungen offenbar nur wenige Tage. Wahrscheinlich wurde der Biesdorfer Arzt am 26. März von Polizei oder SA wieder abgeholt.
Was in den nächsten zwei Tagen geschah, ist aus den Akten nicht eindeutig zu rekonstruieren. Am 28. März wurde Philippsthal jedenfalls ins Staatskrankenhaus der Polizei in der Scharnhorststraße eingeliefert. Vom dortigen Arzt wurden später ausgedehnte Blutergüsse bestätigt. Andere Quellen sprechen von offenen Wunden am ganzen Körper. Am Morgen des 3. April erlag Arno Philippsthal seinen schweren Verletzungen. Die Leiche wurde zunächst von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt.
Das plötzliche Ableben Arno Philippsthals sprach sich schnell herum und löste offenbar Unruhe in ganz Lichtenberg aus. Noch am selben Tag zitierten Zeitungen eine Pressemeldung des Bezirksamts, deren Ziel aber ganz offensichtlich nicht die Aufklärung des Schicksals des beliebten Arztes war. Vielmehr konzentrierte man sich auf die politische Stimmung: Der Tod des Arztes werde von "gewissen Kreisen" zur " Verbreitung der unsinnigsten Gerüchte missbraucht", die "vollkommen abwegig" seien. Die Kampagne wurde am folgenden Tag fortgesetzt. Die kursierenden Gerüchte um die Ermordung des Arztes würden "zum Teil sogar von den politischen Gegnern des neuen Systems bewusst erfunden (...), nur um Unruhe zu stiften und dadurch im Trüben fischen zu können."
Am 8. April wurde dann gemeldet, der Fall sei nunmehr als geklärt zu betrachten. Ein Artikel, der an Zynismus und Perfidie kaum zu überbieten ist, macht aus der Ermordung von Arno Philippsthal "Freitod durch Veronal". Man setzte anscheinend darauf, die Öffentlichkeit mit dem Hinweis auf rechtsstaatliches Funktionieren der Staatsorgane zum Schweigen zu bringen. Wörtlich heißt es: "Schon die Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft die Leiche zur Bestattung freigegeben hat, lässt einwandfrei erkennen, dass der Tod nicht durch irgendeinen Gewaltakt herbeigerufen sein kann. Wie Dr. Philippsthal sich das Gift verschaffen konnte, wird wohl nie zu klären sein, da ja der Hauptzeuge nicht mehr am Leben ist." Einen Tag später wurde Arno Philippsthal unter großer Anteilnahme von Verwandten, Freunden und Bekannten auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt.
Ein Nachruf seiner Patienten bestätigte noch einmal eindrucksvoll, welche Rolle Arno Philippsthal für sie gespielt hat: "Mit Eifer, Pflichttreue und großem Können hat er uns in mannigfaltigen Krankheitsfällen zur Seite gestanden und stets versucht, durch ein freundliches Wort unsere Leiden erträglicher zu machen. Er war mehr als nur Arzt, er war uns Helfer, Berater und Freund im besten Sinne". Dieser Nachruf ist vor allem deswegen bemerkenswert, weil die Patienten den Mut besaßen, sich - entgegen der offiziellen Kampagne - öffentlich zu ihrem Arzt zu bekennen. Und bemerkenswert ist auch, dass die Zeitung ihn veröffentlicht hat.
Der Mord an Arno Philippsthal hat nicht nur viele Biesdorfer erschüttert. Durch das in Basel erschienene "Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror" wurde der Fall auch international bekannt gemacht. Manchen, wie der jüdischen Familie Michaeli aus Halensee, die mit den Philippsthals befreundet war, bedeutete er eine Warnung. So erinnert sich Hans Michaeli, dass "das Schicksal von Herrn Dr. Philippsthal ein stark beeindruckender Grund (war), dass meine Eltern und ich bereits im Oktober 1933 nach Schweden auswanderten."
Das Schicksal von Arno Philippsthal macht deutlich, dass es keiner besonderen Auffälligkeit, keiner herausgehobenen Position bedurfte, um im Frühjahr 1933 zum Opfer der Nazis zu werden. Philippsthal war zwar ein besonders erfolgreicher, aber letztlich doch ganz gewöhnlicher praktischer Arzt in einem Vorort Berlins. Er trat nicht öffentlich politisch auf oder war auf dem Gebiet der Sexualwissenschaft tätig, wie etwa der jüdische Oberarzt der Heil- und Pflegeanstalt Wuhlgarten Dr. Berndt Götz. Er war noch nicht einmal in jüdischen Organisationen oder im Bund Sozialistischer Ärzte aktiv, er exponierte sich auch sonst in keiner Weise. Doch weder seine vollkommen assimilierte Lebensweise noch seine Beliebtheit als Arzt konnten ihm Schutz bieten. Die Gegner und potentiellen Opfer der Nazis waren längst definiert. Auf Arno Philippsthal trafen mindestens zwei Merkmale zu, die ihn per se zum Gegner machten: Er war Jude und er stand dem neuen System kritisch gegenüber. Da genügte eine spöttische Bemerkung als Vorwand für seine Verhaftung und Ermordung. Diejenigen, die angeblich angetreten waren, um Recht und Ordnung wiederherzustellen, agierten mit äußerster Willkür. Der Terror konnte jeden treffen, der irgendwie missliebig war.
Dies bekam auch Philippsthals Familie zu spüren. Für die Hinterbliebenen wurde alles anders. Bereits am 8. April war zu lesen: "Ungewöhnlich große Kassen- und Privatpraxis in einem der Vororte Berlins (Osten) ist infolge des Todes des bisherigen Inhabers sofort an zugelassenen Kassenarzt (Christ) zu vergeben". Trotz besserer Angebote musste Frieda Philippsthal die Praxis auf Anweisung der Berliner Ärztekammer weit unter Wert an einen Dr. Ranck verkaufen. Auf dem Grundstück Auguststr.7 wurde statt einer Klinik im Herbst 1933 ein Zweifamilienhaus gebaut, in das die Witwe mit ihren Kindern und das jüdische Ehepaar Adler einzogen.
Aber auch dann kehrte keine Ruhe ein. Frieda Philippsthal wurde von der SA bedroht, in anonymen Briefen wurde sie als "Judenhure" beschimpft und aufgefordert, Biesdorf sofort zu verlassen. Immer wieder fanden Haussuchungen statt. Mehrfach führte man die Frau im Polizeipräsidium und bei der Gestapo vor. Die Kinder wurden auf der Straße derart belästigt, dass sie zeitweilig aus Biesdorf weggebracht werden mussten. Die Lage spitzte sich immer mehr zu. Schließlich sah sich Frieda Philippsthal gezwungen, das Haus Auguststr. 7 zu verkaufen und das Hilfsangebot eines amerikanischen Bekannten anzunehmen, sie zu heiraten. Das ermöglichte ihr, 1937 mit ihren Kindern in die USA auszureisen.
Auch die erste Ehefrau, Eva, lebte mit der Tochter Ursula zunächst noch in Berlin. Nach der Scheidung hatte sie als Volontärin bei einer Bank gearbeitet, später ließ sie sich zur Masseuse und Turnlehrerin ausbilden. Bereits zwischen 1933 und 1935 verlor sie einen Teil ihrer nichtjüdischen Kundschaft, was aber zunächst durch eine Zuwachs an jüdischer Kundschaft ausgeglichen wurde. Nach der Verkündung der Nürnberger Gesetze kam es zu ernsthaften Existenzsorgen. Die letzten nichtjüdischen Kunden blieben nun weg, und auch die jüdische Kundschaft schmolz infolge der Auswanderungen zusammen. Eva Philippsthal sah für sich und ihre Tochter in Berlin keinerlei Perspektive mehr. Nachdem Ursula im Frühjahr 1936 die Königin-Luise-Schule in Charlottenburg beendet hatte, wurde sie für ein Jahr auf die Jüdische Haushaltsschule in Frankfurt/Main geschickt. 1937 gelangte sie im Rahmen der Jugendauswanderung nach Palästina. Die Mutter kam 1938 nach, die Großmutter folgte noch ein Jahr später. Vom Schicksal der Geschwister von Arno Philippsthal ist bislang nur wenig bekannt. Die Schwester Ruth und ihr Mann wurden von den Nazis umgebracht. Der Bruder Herbert war in der Untergrundbewegung in Frankreich tätig und kam dort um. Nur der Bruder Erwin konnte sich retten und lebte bis zu seinem Tod in den Niederlanden.
Und was geschah mit denjenigen, die für den Tod Arno Philippsthals verantwortlich waren? Sie scheinen ungestraft davongekommen zu sein. Die ersten Ermittlungen 1933 wurden offensichtlich an die Gestapo abgegeben, die die Täter nicht dingfest machte. Möglicherweise waren sie auch von einem hohen Beamten im Polizeipräsidium begünstigt worden. Am 25. Juli 1933 verkündete das Justizministerium "aus Anlass der Beendigung der nationalsozialistischen Revolution", wie es in der Verfügung hieß, eine Amnestie für alle Straftaten, die bei Exzessen von SA- und SS-Angehörigen begangen worden waren. Daraufhin stellte die Gestapo das Verfahren ein. Auch 1947/48 durchgeführte Ermittlungen gegen Angehörige der Biesdorfer SA führten zu keinem Ergebnis. Ein wegen Denunziation bei der SA Angeklagter wurde mangels Beweisen freigesprochen. Die Ermittlungen zur Ermordung von Dr. Philippsthal gegen 14 namentlich genannte Personen verliefen, so der Generalstaatsanwalt der DDR in einem Schreiben aus dem Jahre 1962, ergebnislos, "da die an der Abholung und Verschleppung des Dr. Philippsthal beteiligten SA-Leute zum Teil im Kriege gefallen bzw. unbekannten Aufenthalts waren". Ebenso konnte nicht aufgeklärt werden, wer an den Misshandlungen in der General-Pape-Straße beteiligt war.
Karl-Heinz Gärtner
"Biesdorf - das Werder des Ostens"
Ein Beitrag zur Geschichte des Biesdorfer Baumblütenfestes
Fast jeder, der im Frühling schon einmal in der Nähe von Werder an der Havel war oder an den Plantagen im Havelland vorbeikam, wird das schneeweiße und rosafarbene "Blütenmeer" der vielen Tausenden Obstbäume bewundert haben. So musste es wohl 1932 auch der damals erst 26-jährige Journalist Hans-Otto Löggow (12.8.1906 - 23.5.1989) gesehen haben, denn er wählte angesichts der herrlichen Blütenpracht in Biesdorf für den von ihm verfassten "Führer durch Biesdorf" den Titel "Biesdorf, das Werder des Ostens". Die Wahl dieses Titels ergab sich bestimmt auch aus seinen Recherchen über die Geschichte des Ortsteils Biesdorf-Nord. Aus seinen Worten wird allerdings deutlich, dass die Bezeichnung Biesdorfs als "Werder des Ostens" nicht von ihm stammte, sondern schon länger in Gebrauch war. Vielleicht verglich er Biesdorf mit Werder aber auch deshalb, weil es in jener Zeit in Biesdorf ebenso viele, wenn nicht noch mehr Ausflugsgaststätten gab, die mit den ersten warmen Sonnenstrahlen viele Besucher gerade aus den östlichen Bezirken Berlins anlockten und den schon berühmt gewordenen Biesdorfer Obstwein anboten. Wir können Hans-Otto Löggow dazu leider nicht mehr befragen, denn er verstarb am 23. Mai 1989 im Alter von 82 Jahren.
Hans-Otto Löggow gibt auch einen kurzen Abriss zur Geschichte von Biesdorf. Von unserem heutigen Wissensstand aus betrachtet, sind einige Passagen zur Geschichte in diesem Heft nicht mehr ganz korrekt. Das 52 Seiten umfassende Heftchen gibt außerdem Auskunft über Vereine und Dienststellen. Zur besseren Orientierung waren ein Straßenverzeichnis und eine Straßenkarte beigefügt worden. Interessant ist auch der Anhang über neuzeitlichen Obstanbau von Hans Schulz. Offenbar hatte das Heftchen großen Erfolg (es kostete 30 Pfennige), denn noch im selben Jahr erschien eine erweiterte Auflage, die dann als Band 1 in einer Reihe von Führern durch den Berliner Osten herauskam. Der zweite Band dieser Reihe befasste sich mit Kaulsdorf ("Das schöne und interessante Kaulsdorf") und Band 3 war Mahlsdorf gewidmet ("Das 700 jährige Mahlsdorf"). Alle drei Bände sind 1932 in der Buch- und Verlagsdruckerei Julius Neugebauer in Berlin S 42, Gitschiner Straße 63 - 64, vormals Verlag der "Biesdorfer Nachrichten", erschienen. Jener Julius Neugebauer war auch Herausgeber der Zeitung "Nachrichten für Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf und Marzahn", von der leider kein Exemplar erhalten geblieben ist. Bisher ist nicht bekannt, ob noch weitere Bände in dieser Reihe erschienen sind.
Wissenswert ist vielleicht noch die Tatsache, dass Hans-Otto Löggows Wurzeln in der Kaulsdorfer Köpenicker bzw. Chemnitzer Straße 39 lagen, denn sein Vater Otto Löggow hatte sich hier kurz nach 1900 von einem Lotteriegewinn ein Grundstück gekauft. Er arbeitete als Krankenpfleger in der Städtischen Anstalt Wulhgarten. Belegt ist auch, dass er in der Biesdorfer Warmbader Straße (heute Klara-Schabbel-Straße) zur Versorgung seines Hausviehs Wiesen gepachtet hatte. Hans-Otto Löggow erhielt wegen seiner SPD-Zugehörigkeit und seiner Tätigkeit für den "Vorwärts" nach 1933 Berufsverbot. Zeitweise leitete er später eine eigene Nachrichtenagentur "Löggow berichtet" und versteckte sich hinter den Pseudonymen ow, HL oder gg. Auch die Schreibweise Hansotto gehörte zu seinen Pseudonymen.
Obwohl unser Biesdorf nicht eine schöne und reizvolle Umgebung wie Werder zu bieten hat und sich auch nicht mit der seit 1879 bestehenden Tradition des Werderschen Blütenfestes messen kann, war die herrlich duftende Blütenpracht mit der Werderschen sicherlich vergleichbar. Gerade die vielen Gärten in den Siedlungsgebieten, vor allem von Biesdorf-Nord und Biesdorf-Süd, dazu die beiden Biesdorfer Obstplantagen der Familien Händel und Burisch an der Cecilienstraße 126, Ecke Cohn'scher Weg, der im südlichen Bereich einige Jahre auch den Namen Kirschallee trug, (heute Blumberger Damm) sowie die viele Bäume, die mit der Entstehung der Siedlungen für das öffentliche Straßenland angepflanzt wurden, standen bzw. stehen z.T. noch heute für das "Werder des Ostens".
Nicht ohne Bedeutung waren auch die Obstgärten in der 1893 eröffneten Städtischen Anstalt Wuhlgarten auf dem Gelände des heutigen Wilhelm-Griesinger-Krankenhauses. Die Ernteerträge dieser von den Patienten selbst gehegten und gepflegten Obstgärten dienten der Selbstversorgung der Anstalt. Im 19. Jahrhundert soll es sogar einige Rebstöcke gegeben haben. Diese Geschichte muss aber noch weiter erforscht werden.. 1916/1917 war ein im Norden gelegener Teil des Biesdorfer Pfarrackers von ca. 62.500 m2 für eine Obstplantage gepachtet worden, auf dem dann ein Gebäude mit einer Stall- und Kelleranlage, einer kleinen Wächterwohnung und Remisen errichtet wurde. Noch heute steht davon ein Gebäudeteil. Diese Obstplantage existierte etwa 40 Jahre lang. Als letztes und vermutlich einziges Relikt einer dieser Biesdorfer Obstplantagen konnte ich vor etwa 10 Jahren einen Zehn-Pfund-Korb mit dem noch gut zu erkennenden Signet vor der Vernichtung retten.
An dieser Stelle möchte ich der Gerechtigkeit halber bemerken, dass vergleichbare Entwicklungen auch in den Siedlungsgebieten von Kaulsdorf und Mahlsdorf stattgefunden haben, dass sie eigentlich in die Bezeichnung "Werder des Ostens" mit einbezogen werden müssten.
Das früheste Bildmaterial, das die Blütenpracht von Biesdorf-Nord festgehalten hat, stammt aus einer ganzen Serie des großen Berliner Ansichtskartenverlages J. Goldiner vom Ende der 20er Jahre. Eine der schönsten Karten dieser Serie aus Biesdorf-Nord zeigt das Haus Kaiserstraße 35 (heute Eckermannstraße), unmittelbar am Lappiner Platz, umgeben von blühenden Bäumen. Leider ist bis heute kein Beleg bekannt, dem zu entnehmen wäre, seit wann in Biesdorf-Nord das Blütenfest begangen wurde. Die alteingesessenen Biesdorfer, mit denen ich oft gesprochen habe, erinnern sich gern an die schöne Zeit während der Baumblüte, insbesondere an die Blütenfeste, die immer in der ersten Maiwoche stattfanden. Erwähnt werden auch immer wieder die wohlschmeckenden Biesdorfer Obstweine und die vielen Obstsäfte, die nicht nur in den Gastwirtschaften zu haben waren. Auch die Biesdorfer Gartenbesitzer boten an ihrer Gartentür den Berliner Ausflüglern, die mit der Bahn oder mit Kremser-Kutschen zahlreich anreisten, ihre selbstgemachten Obstweine an.
Ebenfalls mit einer Ansichtskarte kann eine Obst- und Gartenbauausstellung im Jahre 1911 in den ehemaligen "Schillersälen" am Lappiner Platz in Biesdorf-Nord belegt werden. Eine Jury prämierte die besten Gartenprodukte der Groß- und Kleingärtner von Biesdorf und Umgebung. Beratungen zur Auswahl geeigneter Obstsorten und zu anderen Fragen des Gartenanbaues gab es aber schon seit dem 28. Januar 1905. Der damals gegründete Obst- und Gartenbauverein Biesdorf e.V. hatte großen Einfluss auf die neuen Siedler, von denen die meisten aus der Stadt kamen und keine Vorkenntnisse hatten. Dieser Verein war richtungsgebend für die Entwicklung Biesdorfs zur Gartenkolonie, er beriet u.a. bei der Auswahl der für den Biesdorfer Boden geeigneten Obstsorten, unterrichtete über die richtigen Pflanzzeiten und Abstände zwischen den Bäumen. Belohnt wurden die Siedler mit reichen Ernten hochwertigen Obstes. Oft wurde Biesdorfer Obst auf hiesigen oder auswärtigen Ausstellungen im Wettbewerb gezeigt, und es erhielt hohe Ehrungen und Auszeichnungen.
Nicht zuletzt hatte man damals schon die Idee, überschüssiges Obst den Verbrauchern zur Verfügung zu stellen. Schon 1932 gab es vier Sammelstellen in Biesdorf, von denen dann der weitere Transport zu den Berliner Märkten organisiert wurde. Das zum Transport der Früchte benötigte Korbmaterial wurde von den Sammelstellen kostenlos ausgeliehen. Als Fachverein wurde der Biesdorfer Obst- und Gartenbauverein 1907 der Landwirtschaftskammer für die Provinz Brandenburg und für Berlin angeschlossen. Er zählte 1932 etwa 250 Mitglieder. Für einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von 0,50 RM erhielt man jeden Monat die Fachzeitschrift "Der praktische Ratgeber". Zudem konnten die Mitglieder eine umfangreiche Fachbibliothek kostenlos benutzen. Dieser Biesdorfer Obst- und Gartenbauverein existiert zwar heute nicht mehr, doch sein Einfluss ist - wie ich denke - bei einigen Biesdorfern und in den verschiedenen Siedlergemeinschaften auch heute noch spürbar.
Bis etwa 1936 war der Schillerplatz (heute Lappiner Platz) das Zentrum des alljährlich stattfindenden Frühlingsfestes, bei dem als Organisatoren nicht nur der Obst- und Gartenbauverein Biesdorf e.V., sondern auch die anderen Biesdorfer Grundbesitzer-Vereine aus Biesdorf-Nord, -Mitte und -Süd auftraten. Karussells, Schießbuden und vieles andere mehr lockten Groß und Klein aus dem Berliner Osten nach Biesdorf. Einen großen Anteil am Gelingen der Biesdorfer Blütenfeste hatten auch die Gastwirte der großen und kleinen Ausflugsrestaurants in ganz Biesdorf. In den größeren Gaststätten, die über einen Tanzsaal verfügten, wie z. B. im Restaurant "Lindengarten" (Prinzenstraße 45 bzw. Prignitzstraße 100, 1993 abgerissen), im "Gesellschaftshaus" (Alt-Biesdorf 30, heute Bürgeramt), im Restaurant "Zum Waldfrieden" (heute Restaurant "Grüne Aue", Köpenicker Straße, Ecke Zimmermannstraße) oder im "Waldschlößchen" (Köpenicker Straße, Ecke Gunztramstraße, heute Wohnhaus), gab es Blütenbälle mit zahlreichen Besuchern. Ein Werbeplakat aus dieser Zeit (um 1927) trägt die Aufschriften "Baumblüte in Biesdorf", "Es ist alles da" und zeigt das Biesdorfer Schloss, umrahmt von blühenden Bäumen im Schlosspark. Möglicherweise hingen diese Plakate, von denen eins erhalten geblieben ist, in den S-Bahnabteilen.
Nachdem die Stadt Berlin 1927 das Gut Biesdorf, das Schloss und die ca. 14 ha große Parkanlage von der Siemens'schen Erbengemeinschaft GmbH käuflich erworben hatte und der Schlosspark zu Pfingsten 1928 als Stadtpark der Öffentlichkeit übergeben worden war, verlagerte sich der Mittelpunkt des Biesdorfer Blütenfestes mehr und mehr in den für jedermann zugänglichen Schlosspark.
In der NS-Zeit veränderte sich der Charakter des Blütenfestes. Organisiert von der NSDAP, bekam es zu dieser Zeit eine "braune" Färbung. In jenen Jahren, erstmals
1936, fanden sogenannte Heimatfeste statt, welche vor allem die Verherrlichung des Militarismus zum Ziel hatten. So ließ man 1937 auf dem Schlossteich eine Modellschiffparade vorführen, bei der ein 9 m langes Modell des Panzerkreuzers "Deutschland" und ein Modell des "U-Bootes 39" zu sehen waren. Sportliche Wettkämpfe, Volksliedersingen, Lagerleben in Zelten und Militärmusik bildeten weitere Programmpunkte. Bei dem Blütenfest 1937 wurden, wenn man der damaligen Pressemitteilung Glauben schenken darf, 100.000 Besucher gezählt. Es wurde sogar Eintritt für den Besuch des Schlossparks erhoben, Erwachsene zahlten 20 Pfg., Kinder hatten freien Eintritt. Am 8. Mai 1938 fand - ebenfalls unter der Leitung der Ortsgruppe Biesdorf der NSDAP - anlässlich der Baumblüte in Biesdorf im Schlosspark ein Heimatfest mit ähnlichem Programm wie im Vorjahr statt. Die Zeitungsartikel trugen Überschriften wie "Biesdorf - ein Blütenmeer" oder "Heimatfest in Blütenpracht". Ob auch im Mai 1939 dieses Fest veranstaltet wurde, ist bisher nicht belegt. Seit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gab es keine Biesdorfer Blütenfeste mehr.
Die Nachkriegszeit war geprägt von Wohnungsnot, Lebensmittelknappheit und Engpässen bei Heizmaterial. Aus diesem Grunde wurde eine Genehmigung erteilt, die das Fällen jedes zweiten Straßenbaumes erlaubte. Ich habe diese schwere Zeit zum Glück nicht miterlebt, kann mir aber sehr gut vorstellen, dass damals auch viele Obstbäume ihr Ende als Brennholz fanden. Trotzdem gab es noch viele Obstbäume und Sträucher, wie eine statistische Erhebung vom September 1949 belegt, die zudem noch einmal verdeutlicht, dass Biesdorf zu Recht als das "Werder des Ostens" bezeichnet wurde. Im Einzelnen waren es 34.847 Apfelbäume, 17.293 Birnbäume, 1.731 Süßkirschen, 22.112 Sauerkirschen, 13.721 Pflaumenbäume, 151 Quitten, 752 Wallnussbäume, 3.100 Pfirsichbäume und 214 Aprikosenbäume. An Sträuchern wurden 28.497 Johannisbeeren und 27.335 Stachelbeeren gezählt. Die Statistik weist weiterhin Flächen aus, die mit Himbeeren (1.685 m2) und mit Brombeeren (42 m2) bepflanzt waren.
Aus dem erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg im September 1950 erschienenen "Rundschreiben des Grundbesitzervereins Kaulsdorf e.V. und Biesdorf" geht hervor, dass das Obst, wie auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg, ein bedeutender Versorgungsfaktor war. Der Vorsitzende des Haus- und Grundbesitzer- Vereins Biesdorf-Nord e.V. forderte in einem Schreiben an das Bezirksernährungsamt, dass bei der Aufforderung zur Obstabgabe die Annahmestellen in Biesdorf auch öffentlich zu kennzeichnen seien, bis dahin waren sie nur in den Formularen des Amtes aufgeführt worden.
Auch in den 60er Jahren war die Siedlergemeinschaft Biesdorf-Nord (Geschäftsstelle Hafersteig 110) mit seinem Vorstandsvorsitzenden Martin Conrad sehr aktiv und führte die Traditionen des Gartenbaues von vor 1933 unter sozialistischem Vorzeichen fort. Die Mitgliederversammlungen fanden im Kino BIO (1993 abgerissen) statt. Eine wichtige Rolle spielte auch in dieser Zeit der Obstaufkauf. Eine Aufkaufstelle für Obst und Gemüse befand sich bei der GHG Marzahn, die 1966 für einwandfreie lagerfähige Äpfel pro Kilo 10,- MDN zahlte. Als besonderen Anreiz und Ansporn gab es außerdem für je 100 kg eine Prämie von 20,- MDN. Auch in den Privatgeschäften und den Geschäften des Konsum, die im Auftrag des Volkseigenen Erfassungs- und Aufkauf-Betriebes (VEAB) arbeiteten, hatten die Siedler und die Mitglieder von Gemeinschaften die Möglichkeit, Obst und Gemüse abzugeben, aber auch Eier und Felle wurden zu günstigen Konditionen aufgekauft. Soweit ich mich erinnern kann, wurde bis zur Wende Obst in der HO-Kaufhalle Oberfeldstraße neben dem Restaurant Biresca aufgekauft oder man konnte es in den Mosterei-Annahmestellen Prignitzstraße und Eisenacher Straße abgeben und erhielt dafür gegen ein geringes Geld Obstsaft oder Apfelwein.
Der letzte Blütenball wurde - nach meinem Kenntnisstand - in Biesdorf-Nord am 20. Mai 1989 im heute nicht mehr bestehenden Restaurant "Biresca" in der Oberfeldstraße vom Wohnbezirksausschuss (WBA) 205 veranstaltet. Naturbedingt gibt es selbstverständlich immer noch den Biesdorfer Frühling und der eine oder andere mag sich beim Spaziergang durch Biesdorf sagen: "Sieht es hier nicht so aus wie in Werder?" Ich persönlich bedauere es deshalb, dass das Gute an den alten Traditionen des Biesdorfer Blütenfestes so in Vergessenheit geraten ist, und hoffe, dass eines Tages, vielleicht sogar schon im nächsten Frühling, wieder ein Blütenball anlässlich eines Biesdorfer Blütenfestes stattfinden wird. Die diesjährigen Jubiläumsfeierlichkeiten sollten kein einmaliges Ereignis bleiben.
Prof. Dr. Wolf R. Eisentraut
Marzahn - eine industriell gebaute Großstadt in Berlin. Erbe oder Altlast?
Die "Platte", das ist einer der schlimmsten Begriffe der letzten zehn Jahre, den es so gibt. Für viele ist er ein Synonym für eine platte Bauweise und auch noch für Leute, die da möglicherweise mit platter Denkweise darin wohnen. Und "Platte" ist alles, was im Osten gebaut wurde. Welche Oberflächlichkeit, welch dumme Interpretation des Begriffs! Das Phänomen Plattenbausiedlung gehört vielleicht zu den interessantesten Erscheinungen der Gegenwart, aber auch zu den umstrittensten. Weil bei einem "Tag der Regional- und Heimatgeschichte" die historischen Aspekte im Vordergrund stehen, will ich versuchen, vor allem die geschichtliche Beziehung herauszustellen, und den Blick in die Zukunft nur streifen. Bei der Frage "Erbe" oder "Altlast" werde ich mich also mehr dem "Erbe" zuwenden, die "Last" mit den Plattenbauten hat ja mehr die Wohnungsbaugesellschaft zu tragen.
Ich will die These voranstellen, dass die Plattenbauentwicklungen und die städtischen Plattenbausiedlungen eng verbunden sind mit der europäischen Architekturentwicklung des 20. Jahrhunderts, die letztlich bis hin nach Australien und Amerika wirkte, und dass in Marzahn vielleicht ein gewisser Höhepunkt dieser Entwicklung und auch ein Abschluss erreicht wurde.
Die Wurzeln dieses Phänomen sind überhaupt nicht in der DDR zu suchen. Den Plattenbau hat nicht die DDR erfunden. Die historischen Wurzeln reichen eher in die Zeit zurück, als die Stadt Berlin in Folge der Industrieentwicklung rasant wuchs, gegen Ende des inzwischen vorvorigen Jahrhunderts. Also genau in die Zeit, über die und deren Fäkalien meine Vorredner sprachen. In diesen Jahrzehnten gab es rings um die Stadt, die damals noch recht klein war, eine rasche Stadterweiterung und es entstanden die bekannten Gründerzeitviertel. Da ging es darum, Hunderttausende Menschen, die nach Berlin kamen, mit Wohnungen zu versorgen, und es ging auch darum, dieses mit Profit zu tun. So kamen die bekannten Mietskasernen zustande, also die extrem dichte Bebauung mit mehreren Hinterhöfen.
Als Reaktion auf diese Situation gab es dann in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts in der Welt die Hoffnung, Neues zu bauen. Die Entstehung der Moderne hatte eigentlich dieses zum Thema. Es war gar nicht in erster Linie eine formale Überlegung gewesen, sondern die Frage war, wie kann man bessere soziale und hygienische Bedingungen für das Wohnen der Menschen bringen. Da hatte man natürlich die Extreme vor Augen, diese dichte Stadt, wo nur bei einem geringen Teil der Wohnungen eine Besonnung überhaupt gewährleistet war. Dagegen stand die große Vision "Licht, Luft und Sonne". Die Gebäude sollten nur noch punktuell konzentriert werden, dazwischen Freiräume, die beste hygienische Bedingungen gewähren sollten. Das wurde dann in der "Charta von Athen" Anfang der dreißiger Jahre als Programm der Moderne festgelegt. Man glaubte, dass das nun die Lösung aller Probleme sei.
Später, in der Zeit, als dann zum Beispiel in Marzahn gebaut wurde, hat man gemerkt, dass diese Auflösung der Stadt bei aller Freude über die guten Lebensbedingungen die Lebensintensität und auch das Interessante des städtischen Lebens gleichermaßen aufgelöst hat. Es war eben ein Modell, das viel Hoffnung gab, aber wieder viele neue Probleme mit sich brachte, auf die ich noch zu sprechen komme.
Um näher zu Marzahn zu kommen: Die Tragik der Bauentwicklung des letzten Jahrhunderts war, dass diese progressiven Gedanken der Moderne sich nicht kontinuierlich entwickeln konnten, sondern dass sie in der Nazizeit radikal unterdrückt worden sind. Sie konnten sich aufgrund dieses Bruches in der Folgezeit sowohl im Osten als auch im Westen nicht so durchsetzen und es gab allerhand Schwierigkeiten. Als Bezugspunkt und Brücke zu Marzahn möchte ich das Hansaviertel in Westberlin erwähnen, das 1957 errichtet wurde. Hier wurde die Kriegszerstörung als Chance genutzt, um neue Qualitäten des Städtebaus zu bringen. Hier ist das, was in den zwanziger Jahren erdacht wurde, in ziemlich reiner Form realisiert worden. Die Auflösung der Blockbebauung in frei stehende Scheiben und Punkthäuser. Dabei spielt die Vegetation, die inzwischen hochgewachsen ist, für den Gesamteindruck eine ganz große Rolle. Eigentlich ist dieses Muster heute in Marzahn ebenfalls zu finden.
In der DDR wurde zunächst der Versuch unternommen, an traditionelle Bauweisen anzuknüpfen, und zwar nicht nur in dem Sinne, dass gemauert worden ist, sondern auch an traditionelle städtebauliche Vorstellungen. So entstand die alte Stalinallee als geschlossene Magistrale, praktisch als Block und handgebaut. Kurze Zeit, nachdem in Westberlin das Hansaviertel entstanden war, kam der Sprung. Die Gedanken bei den schöpferisch tätigen Planern liefen ja parallel. Der neue Teil der Stalinallee war im Grunde der Paradigmenwechsel auch in der DDR zu dieser offenen, modernen Stadtbauweise. Wir wissen heute, welche Probleme damit verbunden sind.
Dieser Wechsel deckte sich in unmittelbarer Weise mit technischen, aber auch mit politischen Entwicklungen. In der DDR erkannte man ja nun, dass der große Anspruch, solche Arbeiterpaläste wie in der Stalinallee zu bauen, nicht zu schaffen war. Dazu reichte einfach die Kraft nicht. Diese Einsicht stand auch im Zusammenhang mit Entwicklungen in der damaligen Sowjetunion, vor allem mit Chruschtschows Machtantritt. Und so kam dann 1955 mit der Baukonferenz der "Prikass", das Bauwesen zu industrialisieren.
Nun gab es einen Zusammenhang, der war vielleicht gut, aber auch tragisch, dass nämlich im Prinzip die Gedanken dieser Industrialisierung: einfache Gebäude, einfache Gebäudescheiben, die nicht aneinander stoßen, die man leicht bauen konnte, sich mit den Gedanken der Moderne irgendwie deckten. In dieser Art entstanden dann in der Stadt viele Gebiete, die eigentlich alle Vorläufer von Marzahn waren. So weit zu dem städtebaulichen Aspekt.
Nun zu dem gebäudetechnischen Aspekt, zur Plattenbauweise. 1926/27 wurden in Berlin-Lichtenberg in dieser Bauweise Häuser errichtet, die wohl zu den ersten Plattenbauten überhaupt gehören. Das war also in den zwanziger Jahren, als man das Problem erkannte, dass zur Lösung der Wohnungsnot preiswerte Wohnungen in großen Mengen gebaut werden müssen. Die Wohnungsnot war immer Gegenstand des letzten und vorletzten Jahrhunderts. Wir haben überhaupt erst seit kurzer Zeit die erste Periode in dieser Gegend, wo es mal keine Wohnungsnot gibt. Also es ging darum, wie kann man schnell und viel bauen. Diese Frage stand schon in den zwanziger Jahren.
Nachdem man in der DDR auf die Industrialisierung gesetzt hatte, ging es mit dem Plattenbau erst mal sehr behutsam voran. So hat man sich bei den ersten Bauten beispielsweise in Karlshorst, die einer meiner Lehrer gemacht hat, noch große Mühe gegeben zu differenzieren, man hat beispielsweise die Loggien eingezogen, was bautechnisch schwierig war, aber eben bestimmte Qualitäten mit sich brachte. Später wurden Balkone nur noch vorgestellt.
Der spätere Plattenbau in seiner Massivität war aber nicht eine Spezifik der DDR, ähnliche Entwicklungen des Plattenbaues fanden zur gleichen Zeit in Dänemark statt. Und mit Frankreich zum Beispiel gab es direkte inhaltliche Beziehungen. Die Plattenbauentwickler der Bauakademie hatten dann sogar das Vergnügen, mal nach Dänemark und nach Frankreich zu fahren (leider war ich damals noch nicht dabei). Das Problem, dass viele gleiche Formen addiert wurden, wobei man den menschlichen Maßstab vielleicht sehr schnell verlassen hat, das kennen wir in Marzahn, das gab es aber auch in Paris. Und auch in der alten Bundesrepublik gibtes dafür Beispiele. Bei einem Vergleich sieht man kaum einen Unterschied, höchstens in der Qualität der Fugen. Die einen Fugen waren exakter, die anderen ein wenig gröber. (Heute werden sie alle verkleidet, da braucht man sich nicht mehr zu ärgern.)
Das Ende der Großsiedlungen wird in Chikago angesetzt, hier wurden 1972 die ersten großen Blöcke wieder gesprengt. Damit endete eigentlich die Entwicklung, die mit den sozialen Utopien der zwanziger Jahre eingesetzt hatte und die im gesamten Bauwesen, in der Bautechnik und im Städtebau ihren Niederschlag gefunden hatte. Und als die Welt so langsam Abstand davon genommen hat, wurde in der DDR das Wohnungsbauprogramm beschlossen. Dieser zeitliche Versatz war immer drin in der Entwicklung. 1971 wurde unter der Losung "Alles für das Wohl des Volkes" auf dem Parteitag verkündet, jeder soll eine Wohnung bekommen.
Das hatte seine Konsequenzen. Unter dem politischen Druck dieses Versprechens mussten natürlich die Bauleute auch so viel Wohnungen bauen. Das fiel verdammt schwer. Deshalb wurden die Ansätze der Industrialisierung auf ganz pragmatische Gesichtspunkte reduziert und minimiert. Also die Platte an sich ist ja weder gut noch böse. Ob man aus der Platte ein gutes oder ein mieses Haus macht, liegt ja nicht an der Platte, sondern an dem Planer, an dem Architekten, liegt auch an dem Ingenieur.
Das Schlimme war, dass die Möglichkeiten, die die Platte beinhaltet, nicht zum Zuge kamen. Als die Wohnungsbauserie 1971 von der Bauakademie entwickelt wurde, träumten viele Leute ernsthaft davon, dass man ein so genanntes offenes System schaffen kann, dass man mit hocheffektiver Fertigung in den Plattenwerken viele Bauelemente herstellen und die dann zu unterschiedlichsten Gebäuden zusammensetzen kann. Das Leben war jedoch ganz anders. Aus dem Zittern heraus, dass man den Plan nicht erfüllt, wurde typisiert. Es wurden Häuser als Grundeinheiten, als Typenprojekte, entwickelt. Die wurden hunderttausend Mal gebaut. Und das sieht man heute in Marzahn. Das heißt, in Marzahn ist der große Gedanke, die große Idee verkörpert, den Menschen eine neue Wohnform, eine neue Stadtform zu bieten, es ist aber auch eine Perversion dieser Idee durch ihre technokratische Handhabung verkörpert, die man im Nachhinein natürlich versteht, die dann aber doch zu monotonen Bildern geführt hat.
Es wurden dann diese Wohngebiete, das erste, zweite, dritte Wohngebiet und als Erweiterung Marzahn-Ost geschaffen. Es gab eine Hürde, nach Norden zu erweitern, weil da die Stadtgrenze war, wo die Alliierten noch ein Auge darauf hatten. Es waren ganz schwierige Bedingungen, aber es lief wie eine Walze. Sie fraß die Landschaft, fraß die ehemaligen Rieselfelder auf, schaffte aber - und das muss man vor allem sehen - Wohnungen für Leute in einer Zeit, wo ein großer Mangel war und wo auch die Qualität der Wohnungen in den alten Stadtgebieten nicht so viel bedeutete. Es war ja ein Fortschritt für die meisten, nach Marzahn in eine Neubauwohnung zu ziehen. Es gab auch mehr oder weniger starke
Bemühungen der Architekten im Wohnungsbaukombinat, innerhalb dieser starren Produktion sich Spielräume aufzumachen und mit den Mitteln, die es gab, Abwechslungen herbeizuführen.
Für den Architekten ist es immer das Beste, einen Baum vor das Haus zu pflanzen
Das hilft immer. Das hat in Marzahn auch eine große Rolle gespielt und eine besondere Qualität reicher Grünflächen mit sich gebracht. Es ist ja nachgewiesen, dass Marzahn im Vergleich zu anderen Bezirken mit die beste Luftqualität hat. Ich will dabei nicht sagen, dass Marzahn zukünftig eine Entwicklungschance als Luftkurort hat, aber es ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Es gibt schöne Ecken in Marzahn, wo eigentlich diese Ideale verwirklicht sind.
Es gibt auch Bilder, die sich etwas "strenger" darstellen, die zeigen, dass da Handlungsbedarf besteht. Diese Häuser kann man "schön bunt" machen und mit Wärmedämmung einwickeln, es bleibt trotzdem eine schwierige Stelle in der Stadt. Wenn es jetzt die Alternative gibt, vielleicht doch im Grünen zu wohnen, da fragt man sich, wer will dann noch oben in der Ecke solcher Häuser seine Wohnung haben.
Es gibt noch einen weiteren Entwicklungssprung in der Baugeschichte der DDR, der auch in Marzahn festzumachen ist. Marzahn war der Ort, wo es auch gelungen ist, die industrielle Bauweise wieder auf ihren Ursprung zurückzuführen; dass man nämlich sagt, wir produzieren standardisierte Betonelemente und machen daraus gute Häuser unterschiedlicher Art. Das war mein Vergnügen zu dieser Zeit, dieses durchzusetzen. Es war damals nicht ganz einfach, jetzt lachen wir darüber. Marzahn sollte wieder eingebettet werden in den Kontext der Stadt. Das Hauptzentrum - wie es damals hieß - lag an der Landsberger Allee, ähnlich wie die Hauptstraße in Weißensee an der Berliner Allee liegt. So plante ich den Hauptzentrumsbereich mit stark individualisierten Häusern, und zwar mit dem Ziel, einen Mittelpunkt zu schaffen und für die Menschen, die da wohnen, eine gewisse Identifikation zu bieten. Dies war ein großer Fortschritt und dass das heute vergammelt und einem unklaren Schicksal entgegensieht, ist tieftraurig.
So wurde auch am Springpfuhl ein Zentrum geschaffen, welches später den Namen Helene-Weigel-Platz erhielt. Also aus dem Pfuhl wurde ein Zentrum. Der Pfuhl wurde aber nicht weggemacht, sondern einbezogen und ist eigentlich immer noch der landschaftliche Identifikationspunkt dieses südlichen Wohngebietes. Das ist eine erhaltene Qualität. Hier entstand auch das Rathaus, ebenfalls aus industriell gefertigten Elementen, aber eben kein Typenhaus. Es war ursprünglich vorgesehen, den Typ Cottbusser Scheibe, das ist so ein Bürohaus, das in der Rhinstraße fünfzehn mal steht, als Rathaus dahinzusetzen. Man klagt immer darüber, dass alles so verordnet wurde, aber es gab auch Initiativen von Leuten, die sich einen Spielraum erkämpften und dafür gesorgt haben, dass das eben anders geworden ist.
Oder weiter im Norden, in der Nähe der Ringkolonnaden. Mein Freund und Kollege Heinz Graffunder hat sehr darum gekämpft, dass der große Park nicht mit Wohnungen bebaut worden ist. Es gab natürlich immer die Aufforderung, noch neue Standorte zu erschließen. Und da lagen ja die Straßen schon, und da lagen die Leitungen, da hätten wir ja noch ein paar Taktstraßen in den Park reinlaufen lassen können. Das hat er verhindert, natürlich mit Unterstützung vieler Leute. Dann war da so ein Bauschutthaufen und es gab kein Öl. So durfte kein Bauschutt mehr transportiert werden. Das war ein guter Ansatz zu sagen: Wir machen aus diesem Haufen einen Berg mit künstlicher Quelle und einer Grotte und machen davor ein Kinderbad. Das ging auch irgendwie. So sind solche kleinen Dinge in Marzahn entstanden, die städtisches Leben im Ansatz gefördert haben. Es sind viel zu wenig, aber sie sind vorhanden und heute noch in Betrieb.
Und schließlich gibt es die Marzahner. Und das ist der Punkt, weshalb ich sage: Das ist ein erhaltenswertes, entwicklungsfähiges, weiter nutzbares Gebiet. Es ist die Behausung von mehr als hunderttausend Leuten. Unter diesen hunderttausend Leuten sind übrigens viele Einwanderer, die kamen nicht aus der Pfalz, wie einer meiner Vorredner dargestellt hat, sondern überwiegend aus Sachsen. Man hört es heute noch. Es gab übrigens auch Auswanderer, zwar nicht so viele. Und im Gegensatz zu der Situation in der Pfalz hatte da die Obrigkeit - das kann ich annehmen - sehr genaue Listen über diese Auswanderer.
Es gab eine Identifikation der Menschen mit dieser Umgebung, und der "Marzahner Frühling" beispielsweise war keineswegs ein befohlener Massenauftrieb der SED. Man muss auch sagen, es sind nicht die Armen, die irgendwo keinen Teil vom Bauernhof mehr bekommen haben, nach Marzahn gekommen, sondern es waren - das ist auch eine Qualität, die heute noch eine Rolle spielt - Leute aus allen Schichten, alle sozialen Ebenen waren da verbunden.
Nun kam die neue Zeit. Da musste sich dies alles, was ich ja in freundlichen Farben geschildert habe, und was - ich sage das noch einmal - meiner Meinung nach bei allen angedeuteten Defiziten und Problemen wirklich seine Qualität hat, auf einmal mit einem anderen Maßstab messen lassen. Mit dem, was in Westberlin war, mit dem, was neu gebaut worden ist. Die Ironie der Geschichte ist natürlich, dass auch manche Häuser am Potsdamer Platz aus Platten bestehen. Das sind Betonplatten, die vormontiert worden sind. Ich finde es ja gut, aber man muss es auch mal sagen.
Erst mal hieß es: Abreißen! 1990, ich erinnere mich an einen großen Kongress, ironischerweise in dem Gebäude der Parteihochschule am Köllnischen Park, also "heilige Hallen". Und da veranstaltete Frau Schwaetzer, die Bundesbauministerin, eine Konferenz, wo es um die Frage ging: Was machen wir mit den Plattenbaugebieten? Da waren sich erst mal alle einig, dass das sowieso bald alles einfällt. Dann gab es Wissenschaftler und Ingenieure, die haben Gutachten gemacht, die kamen aus der anderen Gegend, damit galten sie als objektiver. Die haben das festgestellt, was ich dort schon gesagt habe: Fünfzig Jahre sind kein Problem für diese Häuser.
Dann gab es eine Besinnung. Es begann 91/92, dass man sozusagen die "einfache" Sanierung in Angriff nahm. Denn natürlich taugten die Rohrleitungen nichts, also ging es los mit der Strangsanierung. Es gab auch Defizite in der Wärmedämmung, wenngleich nicht überall. Es gab dann eine breite Aktivität zur Sanierung in allen Neubaugebieten: Wärmedämmung aufziehen, Putz aufziehen, und damit auch die Möglichkeit, diesen grauen Beton zu verdecken, der zum deprimierenden Symbol geworden war und der durch den sauren Regen nach einiger Zeit richtig schwarz wurde. Dabei war es ja nicht so, dass die Architekten in der DDR diesen Beton so schön fanden, nur hatten sie nichts anderes. Ich hatte versucht, hier und da mit Fliesen und mit Klinkern was zu machen. Das ging nur in ganz begrenztem Maße.
Diese Plattenbauten erlebten also plötzlich eine Renaissance und wurden eingewickelt. Die Dämmstoffindustrie konnte sich damit goldene Nasen verdienen, was Besseres konnte denen gar nicht passieren. Und es wurde bemalt.
Da kommt nun die erste Einschränkung, dass das manchen Häusern nicht gut bekommen ist. Ich glaube, das hat nicht sehr viel Glück gebracht. Denn natürlich hatte so ein Plattenbau mit seiner Fugengliederung und den Fenstern und den Verhältnissen zueinander, doch irgendwie eine Gestaltung und auch eine Maßstäblichkeit. Und wenn man eine durch Platten gegliederte Fassade plötzlich völlig platt macht und die Fenster auch noch mit der Wärmedämmung kleiner macht, dann wird aus diesem unfreundlichen grauen Plattenbau plötzlich eine bunt angestrichene Gefängnisfassade, was sicherlich auch nicht froh macht.
Erst nach längerer Zeit haben sich manche Architekten besonnen und versucht, beim Sanieren die alte Struktur vielleicht nicht ganz zu ignorieren. Jetzt sage ich nicht, es muss alles so sein, wie es war. Wir kennen das aus der Baugeschichte von Sakralbauten: Eine Kirche, die kann romanischen Ursprung haben und gotische Anbauten, da haben die Generationen daran gebaut. Warum sollte es beim Plattenbau anders sein? Aber immer ist zu überlegen, was man überhaupt vor sich hat.
Obwohl nun größtenteils alles saniert war, schön bunt und auch freundlich, sind trotzdem Leute weggezogen. Nicht weil sie auswandern wollten, sondern zum Teil weil sie dem Drang nach dem eigenen Häuschen nachgegeben haben, weil sie natürlich auch der Werbung nachgegeben haben. Es gibt ja diese herrlichen Prospekte, wo diese smarten Jungs die schönsten Häuser aus den Kisten holen und versprechen, dass man mit der Finanzierung überhaupt keine Belastung hat (das Gegenteil merkt man dann erst später). Also es wandert ein Bevölkerungsteil ab, und zwar gerade die, die es sich vielleicht leisten können, oder die glauben, es sich leisten zu können; die widerstehen diesen Verlockungen nicht und wandern ab.
Was bedeutet das? Dass in den Plattenbauten ein paar Wohnungen leer werden, ist auszuhalten, dafür gibt es Rezepte, damit umzugehen. Es bedeutet aber ökologisch, dass Land verbraucht wird, und zwar Grünland, freie Flächen, Naturland. Das wird in großen Mengen verbraucht für dieses Bauen und es wird zusätzlicher Verkehr erzeugt. Der Bösewicht der Gegenwart ist ja der Individualverkehr, und der wird durch solche Dinge noch gestärkt. Dabei will ich jetzt nicht sagen, dass man das auf keinen Fall machen darf. Wer meint, er braucht ein Einfamilienhaus, der soll das natürlich kriegen (und wenn er ein besonders gutes haben will, kann er zu mir kommen, ich plane ihm das auch gern). Aber dies zur Massenbewegung zu machen und zu sagen, diese ganzen Plattenbauten sind nicht mehr bewohnbar, wir müssen nach draußen, das ist erst mal sehr oberflächlich und vielleicht auch ein bisschen dumm. Und es ist langfristig und in ökologischer Hinsicht - wenn wir von Nachhaltigkeit oder über die AGENDA dieses Jahrhunderts reden - einfach kontraproduktiv. Also muss man sich anstrengen - man kann ja glücklicherweise nichts verordnen - und überlegen, wie man diese Siedlungen so qualitätsvoll halten kann, dass nicht alle Leute wegziehen.
Das nächste Stichwort für Marzahn ist das nur nach Familiengröße differenzierte Wohnungsangebot für die sozialistische Standardfamilie, wie man sie sich vorgestellt hat: zwei werktätige Eltern und zwei Kinder, eins im Kindergarten und eins in der Schule. Dafür waren diese Wohnungen ganz gut. Die Vorgaben für heutige Sozialwohnungen sind übrigens nicht viel anders. Aber es ist eine vereinheitlichte Wohnform, also alle Leute müssen so wohnen, wie es diese Typengrundrisse zur Zeit der Erbauung vorsahen. Und das ist heute ein Problem! Damals hatten die Leute auch schon sehr unterschiedliche Meinungen, aber heute wollen sie das auch ausleben. Der eine will eine kleine Küche, der andere will ein großes Wohnzimmer mit einer amerikanischen Küche, manche wollen viele abgetrennte Zimmer, ein anderer möchte die Wohnung als Ganzes haben.
Dort ist der Ansatz und die Chance, in dieser Plattenstruktur ein differenziertes Wohnungsangebot zu schaffen. Das geht erstaunlich gut, ich habe mich intensiv damit befasst und plane derzeit solche Umbauten. In dieser starren Plattenstruktur, im Inneren, lässt sich eine ungeahnte Vielfalt von verschiedenen Wohnungen zustande bringen. Der Vertreter der Wohnungsbaugesellschaft wird das sicher bestätigen, dort wird es ja auch praktiziert. Das schränkt sich dann wieder ein, weil man ja nicht eine ungeahnte Vielfalt braucht, aber bestimmte Typologien sind zu realisieren. Also es geht um Veränderungen der Häuser, nicht nur oberflächlich, sondern im Inneren.
Auch kann man Ergänzungsbauten errichten, die vielleicht nicht mehr wie Plattenbauten aussehen. Beispielsweise habe ich am Landsberger Tor ein Haus gemacht, das hat eine andere Form, auch eine andere Höhe. Dort kann man mit vier Geschossen eine völlig andere städtebauliche Qualität erreichen als innerhalb einer Häufung von elfgeschossigen Häusern.
Damit leite ich zu dem nächsten Gedanken über. Es geht dann schrittweise dahin - aber nicht als Aktion, wie vielleicht bei der Wärmedämmung -, dass man sagt: wir gehen jetzt an die Häuser ran, nehmen Geschosse runter und setzen vielleicht ein Penthouse drauf. Es gibt Standorte, wo man einen schönen Landschaftsblick ins Wuhletal hat, wo man attraktive Wohnungen machen kann, die eine bestimmte Schicht halten, wo man dann auch diese Mischung, die ein Stadtgebiet braucht, eine Mischung unterschiedlicher Bevölkerungsschichten, erhalten kann.
Ich meine, dass man langfristig an dieser Rohbaustruktur, die ihre technische Qualität hat, die auch ihren wirtschaftlichen Wert hat, dass man also an dieser Kubatur, an diesen Formationen manipulieren und entwickeln kann. Ich will hier ja nur Spielräume andeuten. Vielleicht kann man auch einen Sechsgeschosser, wo im sechsten Geschoss sowieso keiner wohnen will, bevor man das Geld da reinsteckt und Aufzüge davor setzt, was erstens teuer ist und zweitens Betriebskosten bringt und drittens nicht gut aussieht, vielleicht kann man auch überlegen und mal drei Geschosse runternehmen. Dann haben wir einen schönen Plattenbau, wie ich ihn in Paris gefunden habe. Also Marzahn hat die Chance, die Attraktivität von Paris zu kriegen!
Ich will hier noch eine extreme Lösung erwähnen, weil ich mit meinem Büro solche Dinge baue und wir in der Hochschulforschung das auch wirtschaftlich und technologisch untersucht haben. Man kann am Rand eines Wohngebietes, etwa am Rand des Wuhletales, einen Viergeschosser runternehmen und aus den zwei Geschossen unter Beibehaltung der Gründung des Kellers, der Erschließung, also sehr wirtschaftlich, attraktive Reihenhäuser machen. Der Reihenhausstandard ist heute in der Breite 4,80 oder 4,20, weil das Grundstück klein sein muss, weil man nicht so viel Geld hat. Hier hat man 6 Meter Reihenhäuser, die können dann sogar noch verkauft werden und es gibt noch einen Gewinn dabei.
Ich wollte mit dem letzten Teil, der sehr gerafft ist, nur andeuten, dass diese Struktur, die jetzt überkommen ist und mit der wir alle irgendwie zu tun haben - viele wohnen darin, andere haben sie zu bewirtschaften, andere planen daran herum -, dass also diese Struktur entwicklungsfähig ist. Es ist ja jetzt wieder eine Periode, wo nach Abriss gerufen wird. Sicher gibt es Gegenden, wo das zu überlegen ist. Wenn zum Beispiel in Schwedt die Industrie nicht mehr funktioniert, dann sind das extreme Situationen. In Berlin wird eine solche Diskussion glücklicherweise nicht geführt. Ich glaube, sie wäre auch völlig falsch. Das kann nicht der Weg sein. Das kann auch nicht im Sinne eines ökologisch verantwortungsvollen Handelns sein. Nutzung der Ressourcen, Begrenzung von Baulandverbrauch, Begrenzung von Energieverbrauch - ich glaube, da ist man auf dem richtigen Weg, wenn man die vorhandene Substanz aufwertet und weiter nutzt.
Günter Peters
Denkmalschutz für Plattenbauten in Berlin Marzahn und Hellersdorf?
Ein Diskussionsbeitrag
In den Denkmallisten der Bezirke Marzahn und Hellersdorf finden sich derzeit keine industriell gefertigten Gebäude der neuen Großsiedlungen. Auch unter den aufgrund ihrer städtebaulichen Qualitäten mit einer Erhaltungssatzung geschätzten Gebieten sind industriell hergestellte Großsiedlungsquartiere in Berlin nicht vertreten. Noch viel weniger sind diese Wohnkomplexe und ihre Sanierung einer Steuerung durch eine Gestaltungssatzung für würdig befunden worden. Weder der bundesweit veröffentlichte noch der Berliner Stand der Denkmalforschung hat bisher verbindliche Kriterien für die Beurteilung einer Denkmaleigenschaft geliefert. Dennoch hat es vereinzelt in Berlin und in den östlichen Bundesländern bereits Einzelunterschutzstellungen von Plattenbauten gegeben. Auch liegen erste praktische Ergebnisse einer denkmalverträglichen Sanierung von Plattenbauten vor. Der folgende Diskussionsbeitrag versteht sich als Anregung eines an der Errichtung und Realisierung der Großsiedlung Marzahn Beteiligten, wie man mit dem baulichen Erbe der DDR-Zeit umgehen könnte.
Im Gesetz zum Schutz von Denkmalen in Berlin vom 24. April 1995 heißt es, dass ein Baudenkmal eine bauliche Anlage oder ein Teil einer baulichen Anlage ist, deren Erhaltung wegen der geschichtlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen oder städtebaulichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt. Denkmalschutz ist nach dem Gesetz nicht an das Alter gebunden. Ähnliches gilt für städtebauliche Erhaltungsgebiete nach dem Baugesetzbuch. Diese können in Berlin die Bezirke per Rechtsverordnung ausweisen, wenn die städtebauliche Eigenart eines Gebietes insbesondere geschichtliche und gestalterische Merkmale geschätzt werden sollen. Im Vergleich zum Denkmalschutz gilt die städtebauliche Erhaltungssatzung als "weicheres" Instrument, das auf die Bewahrung des Ortsbildes oder der Stadtgestalt zielt und nicht auf einen Substanzschutz oder die Strukturen und Ausstattung im Inneren von historischen Bauwerken. Andererseits eignen sich Erhaltungssatzungen nach dem Baurecht eher für großmaßstäbliche städtebauliche Einheiten als das Denkmalrecht. Beide bedürfen freilich einer bestandsorientierten planungsrechtlichen Ausweisung in den Erhaltungsgebieten oder Denkmalbereichen. Für den einen sind Plattenbauten eine »Sanierungslandschaft ohne Alterswert und Flair«, für den nächsten haben 20 bis 30 Jahre »Plattenbaugeschichte der DDR«, bei aller Achtung, noch keinen Erhaltungswert oder Denkmalanspruch. Der langjährige Berliner Landeskonservator Prof. Helmut Engel bemerkte in einem Interview: »Eigentlich müssten wir heute schon das Märkische Viertel unter Schutz stellen«. Diese Überlegung könnte m.E. auch auf Plattenbauten in Marzahn und Hellersdorf übertragen werden.
Die Geschichte des industriellen Bauens beginnt in Deutschland und Europa sowie den USA Anfang des 20.Jahrhunderts. Diese experimentierfreudige Zeit gab entscheidende Impulse zu weiteren Versuchen der Verlagerung von Bauprozessen in Werke der Vorfertigung. Bereits 1924 erklärte Mies van der Rohe: »In der Industrialisierung sehe ich das Kernproblem des Bauens unserer Zeit. Gelingt es uns, diese Industrialisierung durch-zuführen, dann werden sich die sozialen, wirtschaftlichen, technischen und künstlerischen Fragen leicht lösen können«. Martin Wagner hatte 1924 die Verein-igten Staaten besucht, um die amerikanische Bautechnik und Bauwirtschaft zu studieren. Vom Geist der Industrialisierung und Rationalisierung, vom Fließband und vom Taylorsystem tief beeindruckt, regte er nach seiner Rückkehr den Bau von »Volkswohnungen in höchster Qualität" in großen Serien an. Wagners Industrialisierungspläne wurden nach Entwürfen des Architekten und Bauingenieurs Walter Primke nach amerikanischen und holländischen Vorbildern in drei Bauabschnitten mit zwei- und dreigeschossigen Häusern realisiert. Allgemein wurde die Fabrikation der Wohnhäuser in industrieller Bauweise begrüßt und als ein Mittel zur Beseitigung der Wohnungsnot angesehen. Die erste Großplattenwohnsiedlung in Deutschland, die seit 1977 unter Denkmalschutz steht, wurde 1926/1927 in Berlin-Friedrichsfelde (Bezirk Lichtenberg) errichtet.'
Nach den großen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg gab es eine große Wohnungsnot. Ein Weg zu ihrer Lösung war das industrielle Bauen in Ost- und Westeuropa, darunter auch in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR. In West-Berlin wurden von 1960 bis 1977 Großwohngebiete in der Gropiusstadt, im Märkischen Viertel und an der Heerstraße errichtet. Ost-Berlin folgte von 1971 bis 1990 mit dem Bau von Großwohngebieten in Lichtenberg, Marzahn, Hohenschönhausen und Hellersdorf. Während in der Bundesrepublik jeder fünfzehnte Haushalt in einer Plattenwohnung lebt, ist es in Ostberlin jeder zweite. Bereits durch den ersten Nachkriegsmagistrat, dem der Architekt Hans Scharoun als Stadtrat für Bau- und Wohnungswesen angehörte, wurden am 2. Februar 1946 Mittel für die Errichtung von vorfabrizierten Versuchswohnbauten bewilligt. Die Versuchsbauten wurden jedoch nicht realisiert.
Mit die ersten Hochhäuser im Nachkriegsdeutschland in Stahlbetonskelettbauweise sind das Haus des Kindes und das Haus Berlin am Straußberger Platz sowie das Wohnhaus C-Nord an der Straße der Pariser Kommune. Sie gehören zum Ensemble der Karl-Marx-Allee, das 1952 gebaut wurde und stehen seit 1989 unter Denkmalschutz.
Der erste Versuchsbau der Deutschen Bauakademie in Plattenbauweise in der Engelhardtstraße 11 bis 13 wurde nach Plänen von Richard Paulick und des Kollektivs Bauer 1953 errichtet. Dieses Zeugnis des industriellen Bauens steht heute ebenso unter Denkmalschutz. In dieser Zeit des avantgardistischen Bauens entstand in Berlin 1929 der erste Sammelkanal zur Zusammenlegung stadttechnischer Leitungssysteme. Der 3,3 Kilometer lange Leitungsgang zwischen den U-Bahnhöfen Schillingstraße und Frankfurter Allee ist heute noch nach 70 Jahren in Betrieb.
Auch in Marzahn und Hellersdorf gibt es meines Erachtens bewahrenswerte Bau- und Kunstwerke aus der Nachkriegszeit, die geschichtlich, künstlerisch, wissenschaftlich oder städtebauliche Bedeutung haben - Marzahn ist das größte zusammenhängende Wohngebiet in der Bundesrepublik Deutschland mit 59.646 Wohnungen und 359 gesellschaftlichen Einrichtungen - das nach Typen- und Wiederverwendungsprojekten in der Platten- oder Skelettbauweise in der Zeit von 1977 bis 1990 errichtet wurde. Bereits die Dimension, mit der in Marzahn und Hellersdorf an die Lösung des Wohnungsproblems herangegangen wurde ist mithin beachtenswert. In stationären Betonwerken in Hohenschönhausen und Vogelsdorf sowie in Grünau und in Rummelsburg wurden die Platten- und Elemente auf teilautomatisierten Anlagen in fließender Fertigung hergestellt. Mit Paletten auf der Bahn oder mit Schwerlasttransportern auf der Straße wurden die Betonteile auf die Baustelle transportiert. Die Montage der Platten und Fertigteile erfolgte Tag und Nacht. Aus 32 bis 38 Elementen entstand eine montierte Wohnung aus Platten. Durchschnittlich wurden vom Dezember 1977 bis November 1987 am laufenden Band 17 Wohnungen pro Arbeitstag montiert und fertig gestellt. Der Bauplatz wurde immer mehr zu einem Montageplatz. Berlin-Marzahn ist auch das größte Neubaugebiet mit einem kompletten Sammelkanalsystem aus Betonfertigteilen. Mit der Erschließung einer Fläche von rund 400 ha ist es die größte »Aufgrabefreie Zone der Bundesrepublik Deutschland«.
Mit der industriellen Bauweise - Verlagerung von Arbeitsprozessen von der Baustelle in moderne Werke mit Fließbandfertigung - konnte der Gesamtarbeitsaufwand von 1312 Stunden je Wohnung im Jahre 1960, davon 768 auf der Baustelle, auf 492 Stunden je Wohnung im Jahre 1989, davon 213 auf der Baustelle, erheblich verringert werden. Ein logistisch durchdachtes System ermöglichte die komplexe Vorbereitung und Durchführung der Großsiedlung mit allen Einrichtungen der stadttechnischen, verkehrstechnischen und sozialen Infrastruktur und der baulichen Leistung in einer historisch kurzen Bauzeit von 13 Jahren, eine Neubausiedlung mit 60.000 Wohnungen für über 150.000 Einwohner bis 1990 zu errichten. Der Bebauungsplan wurde nach einem städtebaulichen Wettbewerb 1973 von Roland Korn und Peter Schweizer (Städtebau), Hubert Matthes (Grünplanung) und rrolf Walter (künstlerisch-ästhetischer Bereich) erarbeitet und am 2 5. Februar 1 97 5 bestätigt. Die Grundstruktur des 5, 5 Kilometer langen und bis zu 1,8 Kilometer breiten Neubaugebietes erstreckte sich vom Süden von der Biesdorfer Feldflur bis an den Seelgraben im Norden auf den einstigen Marzahner Rieselfeldern. Die städtebauliche Planung knüpfte an die Traditionen des Neuen Bauens der zwanziger Jahre und war auf eine abwechs-lungsreiche Gestaltung unter Einbeziehung landschaftlicher und topografischer Besonderheiten orientiert. So entstand eine neue Silhouette der Stadt mit der Fern-wirkung durch die 48 Hochhäuser. Sie bildet die weithin sichtbare Skyline von Marzahn. Für die ersten drei Wohngeblete und für die ab 1980 vier folgenden Wohngebiete wurden seit 1976 unter Leitung des Chef-Architekten Heinz Graffunder, unterschiedliche städtebauliche und gestalterische Lösungen ausgearbeitet, die funktionell eng zusammenhingen. Dabei galt es, mit neuen Grundtypen bei Wohnbauten verschiedene Bebauungsvarianten und mit zwölf Grundtypen für gesellschaftliche Bauten gute städtebaulich-architektonische und zugleich wirtschaftliche Lösungen zu finden - eine Gratwanderung zwischen »Können und Müssen«. Eine besondere Leistung stellt die Einbeziehung des märkischen Dorfes Marzahn in die Großsiedlung nach Plänen von Heinz Graffunder, Hans Hermann, Dieter Urbach und Horst Kaspar dar. Alt-Marzahn steht seit dem 21.September 1977 unter Denkmalschutz und wurde von 1982 bis 1990 saniert und teilweise rekonstruiert.
Nach 1990 wurden Stimmen laut, die Platte »platt« zu machen. Doch der Senat von Berlin entwickelte eine Strategie zur Erhaltung, Modernisierung und Ergänzung der Großsiedlung. Seit 1991 bis 1998 wurden für 24 Milliarden DM insgesamt 42.308 Wohnungen teil- oder komplett saniert. Mit diesem »Pullover anziehen« für die Plattenwohnhäuser wurde eine Verbesserung der Wärmedämmung erreicht und zugleich eine abwechslungsreiche Farbgestaltung der Fassaden, auch als »Architekturkosmetik« bezeichnet. Die Sanierung brachte eine Veränderung für die hier lebenden Einwohner ihres vertrauten Siedlungsbildes und Wohnumfeldes. Die Suche nach einem »Original-Plattenbau« fällt immer schwerer. Deshalb ist es an der Zeit, dass auch in Marzahn das Bezirksamt, die Wohnungsbaugesellschaft, die Wohnungsgenossenschaften, die Plattform und der Gestaltungsbeirat gemeinsam mit der Stadtplanung und den Denkmalpflegern darüber beraten, dass an einigen Erzeugnissen der Plattenbauweise die Sanierung das ursprüngliche Erscheinungsbild respektiert. Solches konnte an ausgewählten Wohngebäuden oder Aufgängen der in Marzahn gebauten Typen oder Ersterzeugnisse bereits erfolgreich umgesetzt werden. Dies gilt sinngemäß auch für die öffentlichen Bauten in den Neubaugebieten. Die Zeit scheint reif, da, erste Projekt in der Neubausiedlung in Marzahn - ein zehngeschossiges Gebäude des Typs QP71 in der Marchwitzastraße 43 bis 45 (Abb. 138) nach einem Entwurf von Gerhard Wilma - in Zusammenhang mit den Freiflächen und der stilisierten Richtkrone von Alfred Bernau (Abb. 139) und dem Hain der Weltraumfahrer einschließlich dem Relief von Walter Womacka - auf seine Erhaltungs- oder Denkmalwürdigkeit zu untersuchen."
Auch über weitere städtebauliche Ensembles der siebziger und Achtziger Jahre des 20.Jahrhunderts gilt nachzudenken. Dazu gehören die individuell entworfenen Zentren der Marzahner Wohngebiete, wie den Helene-Weigel-Platz mit seinen Rathaus von Marzahn. den Einkaufs- und Dienstleistungseinrichtungen und der Wohnhochhausgruppe; die Marzahner Promenade mit dem Bereich des heutigen Freizeitforums und den Ringkolonnaden. Auch hier wurde durch die o. g. Sanierungen das Bild des industrialisierten Bauens schon weitgehend verändert oder steht durch Flächenabrisse bevor, wie im westlichen Teil der Marzahner Promenade. Diese Ensembles sind Beispiele, wie mit der Platten- und Betonskelettbauweise städtebauliche und architektonische Akzente durch Architekten, wie Wolf R. Eisentraut, Helmuth Stingl, Michael Kay, Karin Bock u. a. geschaffen wurden. Das Rathaus von Marzahn am Helene-Weigel-Platz zeigt am besten die mögliche gestalterische Qualität, die mit der industriellen Bauweise erreichbar ist. An diesem Gebäude wurden bisher noch keine verfremdenden Sanierungen vorgenommen. Das viergeschossige kubische Gebäude des Rathauses (Abb. 137) mit seinen anschließenden Seitenflügeln in asymmetrischer Form ist heute noch in seinem Originalzustand erhalten. Es ist zudem der kommunalpolitische Mittelpunkt des 1979 gegründeten Bezirkes Marzahn und mithin der größten Plattenbaustadt auf deutschem Boden. Darüber hinaus ist es eines von drei Rathäusern, die in der Deutschen Demokratischer Republik in den Jahren 1949 bis 1989 errichtet wurden. Was läge näher, als eine Konsensentscheidung und Selbstverpflichtung aller im Bezirk vertretenen Ratsfraktionen, dieses Bauwerk als Zeugnis der jüngsten Vergangenheit von Marzahn zu respektieren und zu konservieren?
Berlin ist mit seinen historischen Wurzeln ein Zentrum des industriellen Bauens im 20.Jahrhundert in Deutschland. Der zukünftig fusionierte Bezirk Hellersdorf-Marzahn ist mit seinem Pool an industriell gefertigten Gebäuden der 70er und 80er Jahre gut geeignet, einen Teilausschnitt in der Darstellung der Geschichte des industriellen Bauens zu übernehmen. Dies sollte sich auch in der Ausweisung von Erhaltungsgebieten oder der Unterschutzstellung denkmalwürdiger Gebäude und Ensembles in Hellersdorf und Marzahn widerspiegeln.
