Geschichte und Zukunft des industriellen Bauens

am 10. November 2001 im Hörsaal des Unfallkrankenhauses Berlin

In Fortführung der anlässlich der Dorfjubiläen 625 Jahre Biesdorf und 700 Jahre Marzahn begründeten Tradition, mit populärwissenschaftlichen Veranstaltungen, heimatgeschichtliche Themen einem breitem Kreis von Interessenten zu erschließen, veranstalteten der Förderverein für das Bezirksmuseum Marzahn und der Heimatverein Hellersdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf das 3. Mal einen Tag der Regional-und Heimatgeschichte, diesmal zum Thema "Geschichte und Zukunft des industriellen Bauens".

Die Idee zu diesem Thema entstand nach dem bemerkenswerten Vortrag von Wolf R. Eisentraut "Marzahn - eine industriell gebaute Großstadt. Erbe oder Altlast?", den er zum Tag der Regional-und Heimatgeschichte im November 2000 gehalten hat.

Die Schirmherrschaft für diese Veranstaltung hatten der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit und der Bezirksbürgermeister von Marzahn-Hellersdorf Dr. Uwe Klett übernommen.

Die Veranstaltung wurde von den beiden Heimatvereinen und dem Bezirksamt in Zusammenarbeit mit der Architektenkammer Berlin, dem Kompetenzzentrum für Grossiedlungen (Platte), der Stiftung OST - WEST - BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf, der Technischen Fachhochschule Berlin, der BAUAKADEMIE, den Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften vorbereitet.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Geschichte des industriellen Bauens im 20. Jahrhundert und Überlegungen zur Perspektive der industriell errichteten Großsiedlungen in Berlin im 21. Jahrhundert.

An der Veranstaltung nahmen 130 Personen teil, darunter Vertreter von Großsiedlungen aus den alten und neuen Bundesländern, von Kommunen, von wissenschaftlichen Einrichtungen, Verbänden, Unternehmen und Vereinen sowie Vertreter von Partnerstädten des Bezirks Marzahn-Hellersdorf teil.

Begrüßung

Dr. Uwe Klett


Sehr geehrter Herr Dr. Peters, sehr geehrter Herr Kollege Dr. Niemann,
sehr geehrte Abgeordnete, Bezirksverordnete, Bezirksvorsteherin,
sehr geehrte Heimatfreunde.

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, dass Sie den Weg, ich zitiere hier einmal auch eine Bemerkung von Herrn Hertling, "aus der verrückten Stadt Berlin" hier an den äußersten Nordostrand gefolgt sind, hinein ins Wuhletal, in den grünsten Bezirk Berlins. Das dürfen wir so sagen, die wir hier leben. Ein Bezirk aber auch, der sich dadurch auszeichnet, dass er über das größte Reservoir an Architektur verfügt, was landläufig heutzutage wieder als "Platte" im positiven Sinn bezeichnet werden kann. Und damit würde ich die Brücke schlagen zum Titel der heutigen Veranstaltung, der - und das erfüllt mich mit großer Befriedigung - heute einen anderen Klang hat, als er vielleicht 1990.

Die Frage drängt sich auf in einer Diskussion zur Zukunft der Platte, warum denn und wieso 1990 über dieses Phänomen, in dieser Konzentration, die wir ja hier am nordöstlichsten Stadtrand haben, anders geredet wurde, als heute wieder geredet werden kann. Dass diese Veranstaltung heute hier stattfindet, ist insbesondere Vielen, die über die Jahre hinweg gegen den offiziellen Mainstream in Ost und West angekämpft, andiskutiert haben, zu danken und insbesondere natürlich den beiden Heimatvereinen unter Leitung von Herrn Dr. Peters und Herrn Dr. Bretschneider.

Die Platte im Nordosten Berlins - sozusagen als Verbindendes des neuen Großbezirkes - ist ein Symbol, wie die beiden Großsiedlungen Marzahn und Hellersdorf trotz ihrer Unterschiedlichkeit zusammengedacht werden können, Geschichte zusammen symbolisieren, auch Architekturgeschichte mit all ihren Vorzügen, Problemen und misslungenen Versuchen. Die Platte in beiden Großsiedlungen zeigt aber ein unterschiedliches Herangehen, eine unterschiedliche geschichtliche Herausforderung - natürlich auch die Chance, unterschiedlich damit umzugehen.

Ich will nur zwei Besonderheiten als Konsument, als Bürger dieses Bezirkes, hervorheben, wenn ich von Unterschieden der Großsiedlungen von Marzahn einerseits und der Großsiedlung von Hellersdorf spreche, die heute viel besser, fachkundiger in dieser Veranstaltung noch dargelegt werden. Sieht man sich die Geschichte der Großsiedlung Hellersdorf an, wird man immer wieder mit großer Überraschung feststellen, dass die Großsiedlung Hellersdorf kein Produkt alleine des Berliner Bauwesens war, sondern das Produkt aller Bauleute der ehemaligen DDR. Unvorstellbar heutzutage ist jener historisch einmalige Kraftakt, die Ressourcen der DDR im Wohnungsbau zu binden und zu bündeln, um auf der grünen Wiese, besser ehemaligen Rieselfeldern der Stadt Berlin am Nordostrand der ehemaligen Hauptstadt der DDR eine Großsiedlung zu bauen als eine Überlegung, die das soziale Wohnungsbauprogramm der DDR mit den damaligen Möglichkeiten zu lösen. 14 Bezirke und Berlin als DDR-Hauptstadt haben Hellersdorf geplant und aufgebaut. Daher verwundert es nicht, dass die Platte eben nicht gleich Platte ist, sondern mit den äußerst begrenzten Variationsmöglichkeiten, die die DDR hatte, selbst in Hellersdorf Unterschiedliches aus Gera, aus Karl-Marx-Stadt, aus Rostock u.s.w. importiert wurde. Hellersdorf als Werk der Nichtberliner!

In Marzahn hingegen würde ich als besonders interessant herausstellen, dass es der DDR oder vielleicht eher welchen, die eine andere DDR auch architektonisch geplant und auch realisiert haben, als das was man landläufig sieht, in Großsiedlungen gelungen ist, Unikate, Solitäre an sozialer Infrastruktur zu entwickeln, die ihresgleichen in der Fläche der ehemaligen DDR suchen. Ich würde mich freuen, dass von unserer heutigen Tagung aus, aber auch in den weiteren Diskussionen in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren in die Weiterentwicklung von Großsiedlungen - gerade, was die Weiterentwicklung der Großsiedlung Marzahn betrifft - Eigenartigkeit, diese Einmaligkeit solcher Einrichtungen, wie das Freizeitforum, wie das Ensemble am Helene-Weigel-Platz, wie die Infrastruktureinrichtung des Handels, der Post usw. am Marzahner Tor, wie die Ringkolonnaden als einen beachtenswerten, aber auch beeindruckenden Lösungsansatz verstanden werden.
Da sind wir natürlich auch gleich beim Thema: wie denkmalwürdig ist denn auch diese Art des Umgangs mit Baustoffen und mit Technologie? Wer hätte geglaubt, dass es relativ schnell nach der politischen Wende in unserer Stadt, in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt, eine sehr sachgerechte Debatte über die Notwendigkeit des Denkmalschutzes für die Karl-Marx-Allee gegeben hätte. Wo man ja hätte annehmen können, dass dies als Stalinistische Architektur eher aus dem Geschichtsbild zu verschwinden hätte. Ich wünsche mir, dass mit dem notwendigen Abstand von mehr als 10 Jahren zu dieser politischen Wende auch wieder eine inhaltsvolle Diskussion zur Denkmalwürdigkeit bestimmter Bauformen in den Großsiedlungen Marzahn-Hellersdorf stattfindet, die auch für weitere Generationen immer wieder eine wichtige Herausforderung in der Geschichtsbetrachtung, in dem Nachspüren von Erfolgten, von Erfolgreichen, aber auch sicherlich von Gescheiterten sein könnten. Die Debatte ist zum Denkmalschutz seitens der Bezirksverordnetenversammlung Marzahn-Hellersdorf für ein Gebäude angestoßen worden, für das ehemalige Rathaus in Marzahn. Warum sollte es dabei bleiben? Ich will damit ein wenig auch provozieren, nicht so sehr die Bezirksverordneten, die sehr leichtfüßig und schnell ihre Entscheidungen treffen, sondern ich will die Fachöffentlichkeit dafür sensibilisieren, um mit den Bürgerinnen und Bürgern der Großsiedlungen in den Dialog zu kommen, dass, wenn notwendig, zu bewahren, bevor es verschwunden ist.

Wir sind heute mit der Plattendiskussion in einer Legitimationsfalle. Fallen werden uns gestellt, die wir nicht selber machen. Ich hatte gestern das wirkliche Vergnügen, an einem Fachkolloquium zur Frage Rückbau, Abriss, wie man es auch immer nennen mag, in den Neuen Bundesländern teilzunehmen. Die Veranstaltung war in der Landesvertretung des Freistaates Sachsen. Nicht weil man sehr schnell dabei ist, so etwas zu tun, sondern weil das Land Sachsen sehr entschieden mit diesem Problem zu tun hat. Und dort ist auch von dieser Legitimationsfalle Platte gesprochen worden, weil eigentlich nicht die Platte das Problem ist. Es geht hier nicht um eine Kritik, um eine Überflüssigkeit von Architektur, Technologie oder Baustoff, sondern es geht um eine ganz andere Fragestellung, die aber im Mainstream der Berichterstattung immer mit den angeblichen Defiziten der Platte gleichgesetzt wird. In Wirklichkeit sehen wir uns in den nächsten Jahren in einer schwierigen Diskussion gebunden, auf Grund der wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung in den Neuen Bundesländern und zum Teil auch in Berlin, ein Überangebot an Wohnungen zu haben und auf Grund der wenig dezidierten geschichtlichen Debatte in den letzten Jahren eine sehr leichtfüßige Kommentierung als sei die Platte daran Schuld. In Wirklichkeit haben wir einen sehr schwierigen, in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland einmaligen Umbruch in der Beschäftigtensituation. Wir werden darüber nachzudenken haben, wie wir in den Großsiedlungen weiter zu entwickeln haben. Aber worum ich Sie und uns bitte ist , den ökonomischen und sozialen Vorzug dieser Großsiedlung als eine Chance von Wohnverhältnissen in unserer Bundeshauptstadt weiter zu entwickeln und darüber nachzudenken, wie man diesen Wohnungsbestand ergänzen, wie man weitere Freiräume schaffen kann, bis hin zu den öffentlichen Investitionen.

Für den Verlauf unserer Tagung wünsche ich uns allen viel Erfolg und einen weiteren Impuls für die Zukunftsfähigkeit des Lebens- und Wohnstandortes der Großsiedlungen von Marzahn und Hellersdorf.

Einführung

Zur Geschichte des industriellen Bauens

Prof. Dr. Wolf-R. Eisentraut, Industrielles Bauen - ein abgeschlossenes Kapitel [92 KB]

Nachruf auf Cornelius Hertling [84 KB]

Dr. Günter Peters, Zur Geschichte des industriellen Bauens [141 KB]

Dr. Karoline Terlau-Friemann, Industrielles Bauen in Europa [124 KB]

Dr. Jörg Haspel, Die Platte als Baudenkmal [85 KB]

Zur Zukunft des industriellen Bauens

Bernhard Schneider, Die Zukunft des Märkischen Viertels im gewandelten Berlin [73 KB]

Ralf Protz,Kompetenzzentrum Großsiedlungen [154 KB]

Ingo Bongers, Leiter Konzeption/Entwicklung EUROHAUS [125 KB]

Resümee/Ausblick

Dr. Heinrich Niemann, Zukunft der Großsiedlungen gestalten [79 KB]