Jahrbuch 2025
Inhalt
| Ostertag | Olaf Michael | Vorwort | 5 |
| Schilling | Renate | Die Entstehung unserer Dörfer seit dem hohen Mittelalter | 11 |
| Langer | André | Die Grabungen auf dem ehemaligen Gut Biesdorf 2017 und 2018 | 28 |
| Miltenberger | Ralf | Die Grabungen auf dem ehemaligen Gut Biesdorf 2017 und 2018 | 28 |
| Gärtner | Karl-Heinz | Der lange Weg nach Groß-Berlin 1850-1920 | 46 |
| Hänel | Volkmar | Zwischen Kreuz und Hakenkreuz | 62 |
| Leutner | Klaus | Kindermorde in der „Städtische[n] Nervenklinik für Kinder“ in Berlin-Wittenau | 78 |
| Leutner | Klaus | Das Geheimnis um das Grab von Błażej Stolarski auf dem Parkfriedhof Marzahn | 84 |
| Pritzlaff | Gerhard | Von der Berliner Gartenschau zu den Gärten der Welt | 90 |
| Hertzsch | Eva | Vom Abriss über Brachen zur "Laborschule Berlin" als Schule der Zukunft für Hellersdorf | 106 |
| Page | Adam | Vom Abriss über Brachen zur "Laborschule Berlin" als Schule der Zukunft für Hellersdorf | 106 |
| Klee | Joachim | 25 Jahre Turmmuseum der Jesuskirche in Berlin-Kaulsdorf | 118 |
| Heimbach | Daniel | Urban Authenticity Marzahn-Hellersdorf | 124 |
| Matthis | Axel | "Das war der totale Vertrauensbruch". Zum nachverdichtenden Wohnungsbau in der Großsiedlung Hellersdorf | 132 |
| Eisentraut | Wolf R. | Altes Rathaus in Marzahn-Geschichte und Zukunft | 140 |
| Reise | Claas | 35 Jahre Heimatverein Marzahn-Hellersdorf e.V. | 154 |
| Schilling | Renate | Chronik 2024 | 160 |
| Schilling | Renate | Chronik 2025 | 160 |
| Suckow | Ninon | Register der Jahrbücher des Heimatvereins von 2019 bis 2025 | 171 |
Vorwort
Werte Leserinnen und Leser,
mit dem vorliegenden Band des „Historischen Jahrbuchs Marzahn-Hellersdorf 2025“ möchte Sie der Heimatverein auf eine Reise durch die Zeiten mitnehmen, von den Anfängen menschlicher Aktivitäten in unserer Gegend über die Besiedlung und Gegenwart bis hin zu Ausblicken in die (nähere) Zukunft. Dieses Buch versammelt erneut eine Reihe von Aufsätzen, die zum Teil auf Vorträgen basieren, die auf unserem „Tag der Regional- und Heimatgeschichte 2025“ gehalten wurden, zum Teil eigens für diese Sammlung geschrieben worden sind.
Wenn von Marzahn-Hellersdorf die Rede ist, entsteht oft das Bild der Großsiedlungen vor Augen. Sie prägen den Eindruck, und da sie von der DDR errichtet wurden, hängt ihnen das Wort „Plattenbauten“ wie zum Makel an. Verwendet man hingegen gewähltere Ausdrücke wie „modulare Bauweise“, scheint die Modernität und Vorbildhaftigkeit durch, die diese Bauten in ihrer Zeit hatten und noch haben. Da die ersten von ihnen erst 1979 bezugsfertig wurden und die gesamten 1980er Jahre hindurch mehr und mehr dazukamen, unterliegt man leicht dem Irrtum, dass unser Bezirk einer der neuesten von Berlin sei. In Wahrheit haben Menschen die Gegend um die Wuhle schon vor etwa elftausend Jahren durchstreift.
Eines der ältesten Zeugnisse davon ist die Hirschmaske, die 1953 bei Ausschachtungsarbeiten in Biesdorf-Süd gefunden und auf einen Zeitraum zwischen 8770 und 8570 v. Chr. datiert wurde[1]. Sie stammt damit aus dem Mesolithikum, der Mittelsteinzeit, in der die nacheiszeitliche Tundra durch eine langsame Erwärmung einer dichten Vegetation wich. Welchem Zweck die Maske diente, ist umstritten. Geweihkopfschmuck ist zwar aus schamanischen Zusammenhängen gut dokumentiert, jedoch sind eindeutige Belege für einen solchen Gebrauch sehr viel jünger.
An Flüssen wie der Wuhle lauerten Jäger (und wohl auch Jägerinnen) den Rentierherden auf, die hier eine Furt passierten. Die ursprünglich nomadischen Kulturen hatten hier vorübergehende Lager, die jedoch mit der Ausbreitung des Waldes und damit der Veränderung der Nahrungsgrundlage von Zugwild zu Standwild (wie Hirsch und Wildschwein) mit der Zeit zu ortsfesten Ansiedlungen wurden.[2]
Da diese Jäger und Sammler zwar Steingeräte und Bildwerke anfertigten, aber noch keinen Ackerbau betrieben und keine Keramik brannten, kann durchaus diskutiert werden, ob hier bereits die Siedlungsgeschichte beginnt, oder ob es sich um Zeugnisse von Menschen „auf der Durchreise“ handelte. Zweifelsfrei sind dauerhafte Ansiedlungen erst ab dem ausgehenden vierten Jahrtausend v. Chr., dem Neolithikum oder der Jungsteinzeit, in unserem Bezirk dokumentiert. Zuvor hatten bäuerliche Siedler die waldreichen und sandigen Höhen des Barnim und Teltow gemieden. Erst die Angehörigen der sogenannten Trichterbecherkultur (etwa 4.200 v. Chr. bis 2.800 v. Chr.) nutzten die aufgelockerte Niederungsvegetation der kleinen Spreezuflüsse. In Hellersdorf wurden als Zeichen ihrer Anwesenheit fast ein Dutzend Steinbeile und -äxte gefunden.
Wesentlich zahlreicher sind die Funde aus der Bronzezeit (1.800 – 600 v. Chr.), in der günstige klimatische Bedingungen einen erheblichen Bevölkerungszuwachs brachten. Der Berliner Raum lag im Einzugsgebiet der sogenannten Lausitzer Kultur, allerdings in einer unmittelbaren Grenzsituation zur benachbarten nordischen Kultur, deren Einfluss sich stark bemerkbar machte. Die Menschen der Lausitzer Kultur verbrannten ihre Toten, setzten sie in Urnen bei und gaben diesen persönliche Gegenstände, wie z. B. Schmuck mit. Mehrere Fundstellen in Mahlsdorf dokumentieren Gräberfelder aus dieser Zeit. Deutlich geringer ist die Zahl der Funde aus der sich anschließenden Eisenzeit.
Aus der römischen Kaiserzeit (27 v. Chr. bis, je nach Definition, 284 oder 476 n. Chr.)sind die ersten schriftlichen Berichte über germanische Gruppen im Elbe-Havel-Gebiet übermittelt. Tacitus erwähnt den Stamm der Semnonen, der unser Gebiet bewohnt haben soll und als Kern des Suebenverbandes galt. Am Hellersdorfer Schleipfuhl wurden Teile einer germanischen Siedlung aus dem 3. bis 5. Jahrhundert nach der Zeitrechnung freigelegt und gaben Einblick in die damaligen Dorfstrukturen und die Wirtschaftsweise mit mehreren Gehöften.
Im 4. Jahrhundert setzten erhebliche Veränderungen ein, die als Völkerwanderung bezeichnet werden. Wahrscheinlich ausgelöst durch den Sieg der Hunnen über die Goten auf der Krim, wanderten diese nach Westen und zogen dabei zahlreiche Völker mit sich oder trieben sie vor sich her. Auch aus unserem Gebiet wanderten die Germanen ab, allerdings erst nach und nach (über die tatsächlichen Ursachen fehlen noch genaue Erkenntnisse). Am Schleipfuhl siedelten sie noch bis mindestens Ende des 5. Jahrhunderts, wie Funde aus dem Jahr 1984 belegen. Dennoch waren die Gebiete im 8. Jahrhundert fast menschenleer, als sich aus verschiedenen Richtungen kommend die ersten slawischen Siedler hier niederließen.[3]
An dieser Stelle beginnt die Reise unseres Buches. Frau Dr. Renate Schilling beschreibt „Die Entstehung unserer Dörfer seit dem hohen Mittelalter bis ins 16. Jahrhundert“, gibt Einblick in die Besiedlung unserer Dörfer durch Adel, Kirche, Bürger und Bauern (was letztlich die Unterwerfung der Slawen durch die Askanier bedeutete, aber nicht gut zu belegen ist) und liefert zahlreiche Fakten zur Siedlungsgeschichte in Tabellenform.
Dass bei Ausgrabungen gleichzeitig Artefakte aus verschiedensten Epochen zu Tage gefördert werden und sorgfältig gegeneinander abgegrenzt werden müssen, dokumentieren Ralf Miltenberger und André Langer von „archäologie bnb“, einer Spezialfirma, die 2017 und 2018 Ausgrabungen auf dem ehemaligen Gut Biesdorf durchführte und dabei in der Hauptsache Neuzeitliches entdeckte.
Karl-Heinz Gärtner schließt sich an mit einer Betrachtung des „Langen Wegs nach Groß-Berlin“, in dem er die Befindlichkeiten der Bevölkerung in den Dörfern zwischen 1850 und 1920 nachzeichnet und sich auch selbst in die Lage einiger Bewohner aus dieser Zeit versetzt. Dabei fördert er auch Neues zu Tage wie die Biografie des jüdischen Kaufmanns Isidor Schneidermühl, der in Biesdorf zum Gemeindevorsteher gewählt wurde und auch eine Postagentur unterhielt.
Im Auftrag des Gemeindekirchenrats der Evangelischen Kirchengemeinde Kaulsdorf hat Volkmar Hänel seine Studie „Zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ vorgelegt, aus deren II. Kapitel wir hier dankenswerterweise einen Auszug abdrucken dürfen. Mit der „Gleichschaltung“ 1933 bereits in den ersten Tagen nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler sollten auch die Kirchengemeinden über den Druck der „Deutschen Christen“ zur unbedingten Regimetreue umgeformt werden. Dass dies in Kaulsdorf nicht wirklich gelang, ist vor allem dem Wirken des Pfarrers Heinrich Grüber zu verdanken, dem die Treue zum Bekenntnis über allem stand und der sich nach und nach, erst „nur“ den Eingriffen des NS-Staates in Kirche und Bekenntnis, aber schließlich dem nationalsozialistischen Regime widersetzte.
Der Privatgelehrte Klaus Leutner stellt uns Schicksale von während des Naziregimes in Marzahn beerdigten Opfern vor. Er lüftet zum einen „Das Geheimnis um das Grab von Błażej Stolarski auf dem Parkfriedhof Marzahn“, einem polnischen Parlamentspräsidenten, der von Nationalsozialisten ermordet und – was bislang von der bezirklichen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt blieb – auf dem Marzahner Parkfriedhof bestattet wurde. Zum anderen beschreibt er „Kindermorde in der Städtischen Nervenklinik in Berlin-Wittenau“, ein besonders düsteres Kapitel, das ebenfalls durch das Vorhandensein von Gräbern mit unserem Bezirk verbunden ist.
Einen großen Abstand zum Vorgenannten hat die bewegte Geschichte der „Gärten der Welt“ von den Anfängen der „Berliner Gartenschau“ bis heute. Deren Bedeutung für unseren Bezirk wird vom Vorsitzenden des „Vereins der Freunde der Gärten der Welt“, Gerhard Pritzlaff, mit zahlreichen Bilddokumenten nachgezeichnet. Bei der Überführung der Gärten in die Nachwendezeit hat sich auch bewiesen, dass auf Vorhandenem aufgebaut werden kann, ohne zerstörerische Eingriffe in die Substanz vorzunehmen.
Ganz anders erging es dagegen unserer Kita- und Schulinfrastruktur. Das eigentlich für den Abriss von Wohnbauten aufgelegte Bundesprogramm „Stadtumbau Ost“ – ein äußerst fragwürdiger Euphemismus – wurde in Marzahn-Hellersdorf für den Abriss von Kitas und Schulen eingesetzt. Realer Leerstand und die Prognose, dass sich die Bevölkerungsabnahme verstetigen würde, führten zum Totalabriss, der rückblickend als Fehler erscheint. Eine Geschichte, die uns mit Blick auf die heute dringend benötigte Schulinfrastruktur immer wieder ärgert, aber vielleicht auf die eine oder andere Weise zu einem versöhnlichen Ende finden kann: Eva Hertzsch und Adam Page von der „station urbaner kulturen“ führen uns „Vom Abriss über Brachen zur ›Laborschule Berlin‹ als Schule der Zukunft für Hellersdorf“. Wie Architektur die pädagogischen Konzepte beeinflussen kann, ist ein Aspekt, der mehr Aufmerksamkeit verdient.
Denn die uns umgebenden Orte haben wiederum eine große Wirkung auf uns und unsere Betrachtung der Welt. Welche Bedeutung verschiedene Orte in Marzahn-Hellersdorf für jede und jeden Einzelnen von uns haben können, wie unterschiedlich sie betrachtet werden und mit welcher Bedeutung sie aufgeladen (oder abgewertet) werden können, beleuchtet der Museumspädagoge Daniel Heimbach in „Urban Authenticity Marzahn-Hellersdorf“ und führt uns damit in die Gegenwart.
2025 markierte das 25jährige Jubiläum des Turmmuseums der Jesuskirche Kaulsdorf. Dessen Leiter, Joachim Klee, beschreibt aus diesem Anlass die Restauration der Turmspitze und die Konzeption der Dauer- und Wechselausstellungen seiner Einrichtung. In der bezirklichen Geschichtskultur ist sie ein besonderes Kleinod und wärmstens zum Besuch zu empfehlen.
In die unmittelbare Zukunft wiederum verweist Axel Matthies mit seiner Streitschrift „Das war der totale Vertrauensbruch“, in der er gegen die Vorhaben der baulichen Nachverdichtung leidenschaftlich argumentiert.
Wohingegen Prof. Dr. Wolf R. Eisentraut bei der Beschreibung „Altes Rathaus in Marzahn – Geschichte und Zukunft“ einen durchaus positiv stimmenden Blick in die Zukunft wirft und sich auf eine gelungene Sanierung und in deren Folge die Wiederinbesitznahme des Rathauses am Helene-Weigel-Platz durch die Marzahner Bürgerinnen und Bürger freut.
Der 21. Januar 2026 markiert das 35jährige Jubiläum des Heimatvereins, da an diesem Datum 35 Jahre zuvor einer unserer beiden Vorgängervereine, der „Heimatverein Hellersdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf e.V.“ gegründet wurde. Auf der Arbeit unserer früheren stellvertretenden Vereinsvorsitzenden, der leider viel zu früh verstorbenen Frau Dr. Christa Hübner, aufbauend, beschreibt Claas Reise den Bogen vom damaligen Beginn bis in die Gegenwart.
Es schließt sich die von Renate Schilling zusammengetragene Chronik der Jahre 2024 und 2025 an. Eine von Ninon Suckow erstellte Auflistung der in den „Historischen Jahrbüchern“ seit 2019 erschienen Artikel rundet diesen Band ab.
Einen besonders großen Dank möchte ich an dieser Stelle Frau Schilling, Herrn Reise und Herrn Lutz Gutsche aussprechen, die mit mir diesen Band redaktionell verantworten. Ebenso gebührt Frau Kerstin Reise ein herzlicher Dank für das Korrektorat und Frau Vija Kasparson für das Layout. Eine spannende, lehrreiche und anregende Lektüre wünscht Ihnen im Namen der gesamten Redaktion.
Olaf Michael Ostertag
Vorsitzender des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf e. V.
Berlin, April 2026
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Hirschgeweihmaske_von_Berlin-Biesdorf, abgerufen am 05.02.2026.
[2]U. Michas, Bodendenkmalpflege im ehemaligen Bezirk Hellersdorf, in: Die Denkmale in Berlin Marzahn-Hellersdorf. Kaulsdorf – Mahlsdorf – Hellersdorf, ( Hrsg.) Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf, Berlin, 2002.
[3]Ebd., S. 37.
allgemeine Publikationen
| Adam, Ursula | Vom Bundesschützenhaus zur Jugendfreizeitstätte 1909-1999, Bodoni-Museum, 1999 |
| Bärthel, Hilmar | Wie der Berliner Osten städtischen Charakter bekam, MAZZ-Verlag, Berlin 1998 |
| Herrmann, Lothar | Denkmale und Denkmalschutz im Bezirk Hellersdorf, MAZZ-Verlag, Berlin 1997 |
| Kintscher, Harald | Mahlsdorf- aus seiner Geschichte (2.Auflage), MAZZ-Verlag, Berlin 2000 |
| Maether, Bernd | Schloß Biesdorf Reihe: Der historische Ort, Nr 42, Homilius-Verlag, 2002 |
| Müller, Sylvia | Evangelische Dorfkirche Berlin-Kaulsdorf, Schnell & Steiner, 1997 |
| Neubauer,Alfred | Das süße Salz. F:C:Achard und der Rübenzucker, MAZZ-Verlag, Berlin 1994 |
| Marzahn 700 Jahre - Chronik eines Festjahres, MAZZ-Verlag, Berlin 2001 | |
| Berlin-Hellersdorf 1986 - 1996 Festschrift, MAZZ-Verlag, Berlin 1996 | |
| Kaulsdorf 1347-1997 Festschrift, MAZZ-Verlag, Berlin 1998 | |
| Mahlsdorf 1345-1995; Festschrift, MAZZ-Verlag, Berlin 1995 | |
| 100 Jahre Siedlungsgebiete, Geschichte und Zukunft, Lokal-Verlag, Berlin 2003 | |
| Biesdorf 625 Jahre- Chronik eines Festjahres, MAZZ-Verlag, Berlin 2000 |
Hellersdorfer Heimatbriefe
| Dieter Winkler | Kaulsdorf- aus seiner Geschichte, Heimatverein, Berlin 1992 |
| Harald Kintscher | Mahlsdorf- aus seiner Geschichte |
| Winkler, Carolina | Hellersdorf- aus seiner Geschichte, MAZZ-Verlag, Berlin 1996 |
| Satke, Karin | Auf den Spuren der Ortsgeschichte, MAZZ-Verlag, Berlin 1998 |
| Chroniktafel zum Denkmalensemble Angerdorf Kaulsdorf | |
| Gaedecke, Andre | Chroniktafel Hellersdorf 625 Jahre |
| Kintscher, Harald | Chroniktafel Mahlsdorf |
Hellersdorfer Heimathefte
| Heimatheft 1 Symposium |
Heinrich Grüber und die Folgen, 1992 |
| Heimatheft 2 Zech, Hermann |
Straßen im Bezirk Hellersdorf, 1992 |
| Heimatheft 3 Symposium |
Louis Lewin. Leben - Werk - Wirkung, 1993 |
| Heimatheft 4 | Zur Schulgeschichte im Bezirk |
| Heimatheft 5 Neubauer,Alfred |
Das süße Salz. Francois Charles Achard und der Rübenzucker, Hellersdorfer Heimathefte 5, 1994 |
| Heimatheft 6 | Denkmale und Denkmalschutz im Bezirk Hellersdorf von Berlin, 1997 |
| Heimatheft 7 | Wie der Berliner Osten städtischen Charakter bekam, 1998 |
| Heimatheft 8 | Verfolgung und Widerstand in Berlin Hellersdorf 1933 - 1945, 1998 |
| Heimatheft 9 | Extremismus und Jugendgewalt in den 90er Jahren, 1999 |
| Heimatheft 10 | Vom Bundesschützenhaus zur Jugendfreizeitstätte. 1909 - 1999, 1999 |
| Heimatheft 11 | Zehn Jahre Heimatverein Hellersdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf. 1991 - 2001, 2001 |
Beiträge zur Regionalgeschichte
Die Hefte 1, 4, 10, 11 und 13 sind vergriffen.
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Beiträge zur Regionalgeschichte
Jahrbuch 2021
Nr. 3 Historisches Jahrbuch Marzahn-Hellersdorf 2021
Inhalt
Wolfgang Brauer
Vorwort
Juliane Witt (Bezirksstadträtin für Kultur)
Heimat und Geschichtskultur brauchen neue Partnerschaften - Grußwort zum „Tag der Regional- und Heimatgeschichte“ 2021
Joachim Klee
675 Jahre Kaulsdorfer Kirchengeschichte. Ein Überblick
Christa Hübner
Kaulsdorf in den ersten Jahrhunderten nach seiner Gründung
Karl-Heinz Gärtner
Kaulsdorfer Gaststätten Geschichte(n)
Karin Satke
Von der Wilhelmstraße zum Mädewalder Weg als Beispiel der Besiedlung von Kaulsdorf-Mitte
Wolfgang Bauer
„Zur freundlichen Erinnerung ...“. Ein Fotoalbum Hans Füssels für seinen Mitarbeiter Willi Wolf
Monika Rank
Kaulsdorf in den 1970er-Jahren
Christa Hübner
Licht und Auge der Mark. Dem brandenburgischen Kanzler und Mahlsdorfer Dorfherrn Lampert Distelmeyer zum 500. Geburtstag
Frank-Burkhard Habel
Peter Edel - Antifaschist, Grafiker, Schriftsteller
Erika Rossner
Der Illustratorin Ingeborg Meyer-Rey zum 100. Geburtstag
Ina Iske-Schwaen
Kurt Schwaen: „Ich wohne nicht in Berlin, ich wohne in Mahlsdorf“
Karl-Heinz Gärtner
Kinos in Biesdorf
Wolfgang Brauer
Chronik 2020
Abbildungsnachweis
Autorinnen und Autoren
Vorwort
Der dritte Band unseres „Historischen Jahrbuches“ entstand unter besonderen Bedingungen. Bereits das Jahr 2020 – in der „Chronik 2020“ am Ende dieses Buches finden sich zahlreiche Belege – war von der Corona-Pandemie geprägt. In unserem Bezirk wurden allein bis zum 31. Dezember 2020 4.937 Infektionen mit dem Sars-COVID-19-Virus registriert.[1] Die im Zusammenhang mit der Pandemie-Bekämpfung erfolgten Maßnahmen wie Bibliotheks- und Archivschließungen und der danach zumindest für die Archivnutzung beschränkte Zugang erschwerten und erschweren auch regionalwissenschaftliches Arbeiten erheblich. Dazu kamen vielfältige Einschränkungen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Zahlreiche geplante Veranstaltungen und Ausstellungen konnten nicht stattfinden. Die auch für dieses Jahrbuch vorgesehene Ausstellungsübersicht für das Jahr 2020 hatte sich damit erübrigt. Die wenigen Expositionen, die dennoch zumindest eröffneten, teilweise aber nur wenige Tage zugänglich waren, werden wir daher im nächsten Jahrgang berücksichtigen.
Angesichts dieser schwierigen Bedingungen möchte ich seitens der Herausgeber allen Beiträgerinnen und Beiträgern unseren Dank dafür aussprechen, dass sie es geschafft haben, uns ihre – wie ich finde – gewichtigen Wortmeldungen in Sachen Regional- und Heimatgeschichte zur Verfügung zu stellen.
Inhaltlicher Schwerpunkt auch dieses Bandes sind wieder die des „Tages der Regional- und Heimatgeschichte“ unseres Vereins, der am 30. Oktober 2021 in der Jesuskirche Kaulsdorf, wenn auch unter eingeschränkten Pandemiebedingungen, stattfinden konnte. Der Tagungsort wurde von uns bewusst gewählt, die Konferenz stand unter dem Titel „675 Jahre Kaulsdorf“. Der Jahrestag der urkundlichen Ersterwähnung fällt zwar erst auf den 6. Dezember 2022, aber diese Konferenz und die vorliegende Publikation sollen historisch interessierten Leserinnen und Lesern Zugänge zur Geschichte des heutigen Ortsteiles unseres Bezirkes noch vor dem eigentlichen Jubiläum auf dem aktuellen Forschungsstand ermöglichen. Vermittelt unsere Publikation den kommunalpolitischen Akteuren des Bezirkes zudem Anregungen, diesem Jubiläum ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu widmen, als dies Mahlsdorf im Jahre 2020[2] widerfuhr, so liegt das in unserer Absicht.
In ihrem Grußwort zum erwähnten „Tag der Regional- und Heimatgeschichte“ weist Frau Bezirksstadträtin Juliane Witt nicht nur auf diesen Zusammenhang zwischen Heimatgeschichtsarbeit und Kommunalpolitik nachdrücklich hin. Besonderes Augenmerk richtet sie auf diverse Aspekte der Gedenkkultur. Joachim Klee berichtet über „675 Jahre Kaulsdorfer Kirchengeschichte“ – vorzüglich über die Bau- und Ausstattungsgeschichte des Kaulsdorfer Gotteshauses. Dass diese immer im Spannungsfeld zwischen den Möglichkeiten der Dorfgemeinschaft und der Finanzierungsbereitschaft der jeweiligen Patronatsherren lag, macht er auf beeindruckende Weise deutlich. Alle brandenburgischen Gemeinden hatten bis in die jüngste Zeit unter den ständig die Mark verzehrenden Kriegen zu leiden. Für Kaulsdorf und seine Kirche – das betraf in ähnlichem Maße auch Mahlsdorf und Biesdorf – machte sich in dieser Frage die unmittelbare Lage an der Heerstraße zwischen Berlin und Küstrin besonders ungünstig bemerkbar. Christa Hübner schildert dies detailreich in ihrem Beitrag über „Kaulsdorf in den ersten Jahrhunderten nach seiner Gründung“ am Schicksal des Ortes in den Jahrzehnten des Dreißigjährigen Krieges, der in unserer Region sich zwar nicht durch große Schlachten bemerkbar machte, sie aber dennoch nachhaltig verwüstete. Schwerpunkt ihres Aufsatzes ist aber nach der Gründungsphase des Ortes – über die nur spärliche Quellen vorliegen – die Zeit des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. Ihr gelingt eine eindrucksvolle Darstellung des bäuerlichen Lebens und der häufig wechselnden Besitzverhältnisse, die Kaulsdorf durchaus immer wieder in eine enge Wechselbeziehung mit der „großen“ berlin-brandenburgischen Geschichte brachten. Zu den strukturellen Konstanten unserer Dörfer gehörte neben der Kirche immer ein mit Schankrechten versehener Hof, der „Krug“. Zumal, wenn der Ort an einer so wichtigen Handelsstraße, wie der heutigen B 1/B 5 liegt. Karl-Heinz Gärtner erzählt in seinem Beitrag „Kaulsdorfer Gaststätten Geschichte(n)“ von einigen der vor 1945 immerhin rund 40 existierenden Lokalitäten. Auch sein Beitrag hat durchaus kommunalpolitische Dimensionen: Stirbt die Gastronomie ab, ist der Niedergang eines Gemeinwesens programmiert. Karin Satke hingegen untersucht die Geschichte des Mädewalder Weges – und kommt dabei interessanten Geschehnissen der Entwicklung von Wohnungsbau, Einzelhandel und Handwerk in Kaulsdorf auf die Spur.
Wolfgang Brauer schildert anhand eines Fotoalbums, das der Kaulsdorfer Bronzegießer Hans Füssel für seinen ebenfalls in Kaulsdorf ansässigen Mitarbeiter Willi Wolf angefertigt hatte, die Ereignisse um den Abbau des Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals 1949/1950, der den Abriss des Schlosses einleiten sollte. Monika Rank beschließt diesen Komplex mit einem Überblick der Entwicklung Kaulsdorfs in den 1970er Jahren. Viele halten dieses Jahrzehnt für „ereignisarm“. Rank kann nachweisen, dass dem nicht so war. Zudem entsteht in dieser Zeit das immer noch virulente Spannungsfeld zwischen der damals noch in den Anfängen ihrer Bauphase steckenden Großsiedlung und dem Dorf sowie den dieses umgebenden Siedlungsarealen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Ein zweiter großer Komplex der Beiträge des vorliegenden Bandes befasst sich mit Persönlichkeiten, die auf direkte oder auch nur indirekte Weise mit der Geschichte unseres Bezirkes verbunden sind. Am 22. Februar 2022 könnte Berlin ein wichtiges Jubiläum begehen: den 500. Geburtstag des kurbrandenburgischen Kanzlers Lampert Distelmeyer. Christa Hübner erzählt die Biografie dieses für die Mark in einer schwierigen Zeit wirkenden Politikers, der unter zwei Kurfürsten, Joachim II. und Johann Georg, diente und – für uns bedeutsam – Dorf- und Gutsherr von Mahlsdorf war. Distelmeyers Bedeutung macht sich auch daran deutlich, dass das Erbbegräbnis der Familie die Jahrhunderte in der Nikolaikirche in Berlin-Mitte überdauert hat. Ich weiß nicht, ob der Schriftsteller und Grafiker Peter Edel jemals unseren Bezirk besucht hat. In Hellersdorf ist aber eine Straße seit 1986 nach ihm benannt, und viele Einwohner unseres Bezirkes schätzen ihn und sein Werk. Das war dem Heimatverein Grund genug, anlässlich des 100. Geburtstages Edels am 12. Juli 2021 eine Festveranstaltung ihm zu Ehren abzuhalten. Den in unserem Jahrbuch dokumentierten Festvortrag hielt der Filmwissenschaftler und Publizist Frank-Burkhardt Habel.
Zwei Beiträge gehen auf Sonderausstellungen des Bezirksmuseums zurück. Vom 22. März bis zum 24. September 2021 zeigte es anlässlich des 100. Geburtstages von Ingeborg Meyer-Rey eine bemerkenswerte Sonderausstellung. Die Mahlsdorferin Ingeborg Meyer-Rey dürfte zumindest allen in der DDR Aufgewachsenen vertraut sein: Sie ist die künstlerische „Mutter“ der Bummi-Figur und zudem die Schöpferin einer Vielzahl von Kinderbüchern, die sich noch immer deutschlandweiter Beliebtheit erfreuen. Die Kuratorin der Ausstellung, Erika Rossner, zeichnet ein liebevolles Porträt der Künstlerin. Ina Iske-Schwaen, die Leiterin des Kurt-Schwaen-Archivs und langjährige Lebensgefährtin des in Mahlsdorf ansässigen Komponisten, stellte uns einen biografischen Text über Kurt Schwaen zur Verfügung, der sicherlich für Viele Unbekanntes und Überraschendes bietet und hoffentlich Lust bereitet, sich wieder einmal Schwaenschen Kompositionen zu nähern. Auch hier war uns eine Sonderausstellung unseres Museums[3] über Kurt Schwaen Anlass Ina Iske-Schwaen um einen Beitrag zu bitten.
Wie die bisherigen Ausgaben unseres Jahrbuches rundet auch diese eine Chronik der Ereignisse des zurückliegenden Jahres ab. Wir haben uns bemüht, das Leben in Marzahn-Hellersdorf in möglichst vielen Facetten darzustellen. Jede Auswahl bedeutet auch ein Weglassen. Sollten wir Wesentliches vergessen habe, wären wir für korrigierende Hinweise dankbar. Dankbar wären wir auch für Bild- und Textangebote für das „Historische Jahrbuch Marzahn-Hellersdorf 2022“, mit dessen Vorbereitungen wir bereits begonnen haben.
Neben den Autorinnen und Autoren möchte ich an dieser Stelle allen Persönlichkeiten und Institutionen Dank sagen, die uns die Nutzung ihrer Bildquellen gestatteten. Mein Dank gebührt dem Redaktionsteam und allen, die uns mit Rat und Tat zur Seite standen, besonders den Mitarbeiterinnen des Bezirksmuseums. Waldemar-Vincenty Seifert danken wir für die wie immer ausgezeichnete Gestaltung. Wir danken dem Senator für Kulturelle Angelegenheiten und dem Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf für die Unterstützung unseres Projektes mit Mitteln des Bezirkskulturfonds des Landes Berlin.
Ich wünsche Ihnen allen eine spannende und erkenntnisreiche Lektüre!
Wolfgang Brauer
Vorsitzender des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf e.V.
Berlin-Biesdorf, am 3. Dezember 2021
[1]Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf. Jahrespressegespräch 26. Januar 2021, S. 13. [2]Vgl. die Beiträge zur Mahlsdorf-Geschichte in: Historisches Jahrbuch Marzahn-Hellersdorf 2019, Heimatverein Marzahn-Hellersdorf e.V. 2019. [3]„Wer möchte nicht im Leben bleiben ...“ Der Komponist Kurt Schwaen, Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf (Haus 1), 15. August 2021 bis 22. April 2022.
Jahrbuch 2020
Nr.2 Historisches Jahrbuch Marzahn-Hellersdorf 2020

Inhalt
Wolfgang Brauer
Vorwort
Dagmar Pohle
Marzahn-Hellersdorf im Spannungsfeld der Berliner Bezirke
Wolf. R. Eisentraut
Weit im Osten und doch mittendrin
Karin Satke
100 Jahre Groß-Berlin. Vom Zweckverband nach Groß-Berlin 1911 bis 1920
Christa Hübner/Dorothee Ifland
Der Eingemeindungsprozess in Marzahn-Hellersdorf 1919 bis Mitte der 1920er-Jahre
Monika Rank
Neues und Modernes am Rande der Stadt. Ein Blick auf die Ortsteile unseres Bezirks in den 1920er-Jahren
Constanze Lindemann
Älter als 100 Jahre. Die Rolle und Entwicklung der „Heil- und Pflegeanstalt Wuhlgarten“ im Rahmen der Geschichte Groß-Berlins
Oleg Peters
Vom Gewerbegebiet Lichtenberg-Nord-Ost zum CleanTech Business Park
Christa Hübner
Ohnweit Berlin. Franz Carl Achard und Kaulsdorf
Zum 200. Todestag
Anette Kio Wilhelm
Paul Großmann als typischer Berliner seiner Zeit
Paul Großmann
Gedichte über Mahlsdorf
Karl-Heinz Gärtner
Aus der Postgeschichte von Mahlsdorf
Jürgen Wolf
Pioniere des Windstroms – Die Marzahner Müllerfamilie Triller
Eine wiederentdeckte märkische Technikergeschichte
Wolfgang Brauer
Tatort Marzahn. Marzahn-Hellersdorf in Filmen der Serie „Polizeiruf 110“
Renate Schilling
Kitas in Marzahn-Hellersdorf: Errichtung – Umnutzung – Abriss – Neueinrichtung ab Mitte der 1970er-Jahre
Wolfgang Brauer
Ausstellungen 2019
Wolfgang Brauer
Chronik 2019
Abbildungsnachweis
Autorinnen und Autoren
Vorwort
Vor Ihnen liegt der 2. Band des „Historischen Jahrbuches Marzahn-Hellersdorf“. Gegenüber der ersten – inzwischen fast vergriffenen – Ausgabe ist er deutlich umfänglicher ausgefallen. Das betrifft sowohl die Seitenzahl als auch die Palette der vorliegenden Aufsätze.
Im Zentrum stehen die Beiträge des „Tages der Regional- und Heimatgeschichte 2020“. Die Veranstaltung sollte am 31. Oktober 2020 stattfinden und fiel leider den pandemiebedingten Beschränkungen zum Opfer. Desto dankbarer sind wir, dass alle Referentinnen und Referenten uns ihre Beiträge dennoch in der hier vorliegenden Form zu Verfügung stellen.
Wir hatten unsere Konferenz unter das Thema „100 Jahre Groß-Berlin“ gestellt und wollten die vielfältigen Beziehungen zwischen unserer Region und dem großstädtischen Beziehungsfeld, in den diese eingeordnet ist, darstellen. Uns ging es darum aufzuzeigen, dass der in der Region durchaus umstrittene Beitritt zur neuen Stadtgemeinde Berlin seitens unserer „Dörfer“ und Gutsbezirke mehr war als „ein längst überfälliger, gleichsam nachholender Akt der verwaltungsmäßigen Neuordnung“.1 Darauf, dass der jetzige Zustand unseres Bezirkes als pulsierende de facto „Großstadt“ innerhalb der Metropole Berlin ohne die dank der „Gunst des Augenblickes“2 in der kurzen Zeit nach der Novemberrevolution 1918/19 getroffenen Entscheidungen nicht denkbar ist, weist Dagmar Pohle in ihrem Einführungsbeitrag hin. Die Bezirksbürgermeisterin bilanziert Soll und Haben dieses Prozesses und macht darauf aufmerksam, dass aufgrund der aktuellen Entwicklungen Berlins und seines Umlandes – Stichwort TESLA-Ansiedelung in Grünheide – Entscheidungen anstehen könnten, die in ihren Auswirkungen denen der frühen 1920er Jahre nicht nachstehen würden. Wolf R. Eisentraut reflektiert diese Entwicklungen unter stark stadtplanerischer Akzentuierung in ihren historischen Dimensionen. Eine Besonderheit seines Beitrages ist die vergleichende Betrachtung von Marzahn-Hellersdorf und des seinerzeitigen „Wende-Partnerbezirkes“ von Marzahn, des heutigen Stadtbezirkes Steglitz-Zehlendorf, anhand zweier Ortsteile, nämlich Biesdorf und Lichterfelde. Dass dieser Vergleich nicht unbedingt zugunsten Biesdorfs ausfällt, hat durchaus mit stadtplanerischen Versäumnissen der letzten Jahrzehnte zu tun. Aber auch Eisentraut wagt einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.
Selbst scheinbar spontan zustande gekommene Entscheidungen haben Entwicklungen im Vorlauf zur Basis. Sonst werden sie über kurz oder lang vom Leben korrigiert und fallen dem Vergessen anheim. Auch das „Gesetz über die Bildung der neuen Stadtgemeinde Berlin“ vom 27. April 1920 ist nicht einem Augenblickseinfall des Berliner Oberbürgermeisters Adolf Wermuth zu verdanken – ohne den es aber wahrscheinlich so nicht zustande gekommen wäre.3 Karin Satke beschreibt in ihrem Beitrag den langen Weg über die 1911 erfolgte Bildung eines Zweckverbandes Groß-Berlin bis zur Stadtgemeinde Groß-Berlin, der seinerzeit zweitgrößten Stadt der Welt, wie sie bilanzierend feststellt. Christa Hübner und Dorothee Ifland zeigen auf, dass der um das „Groß-Berlin-Gesetz“ herum abgelaufene „Eingemeindungsprozess“ – in unserem Falle konkret nach Berlin-Lichtenberg – mitnichten reibungslos ablief. Neben erheblichen Widerständen im Vorfeld gab es auch auf dem Territorium unseres Bezirkes ein nicht zu unterschätzendes „Ausgemeindungsbegehren“, das im Falle des ehemals eigenständigen Dorfes Marzahn mit kommunalpolitischen Forderungen verbunden war. Kenner der jüngsten Lokalgeschichte wissen, dass sich Ähnliches – in wesentlich kleinerer Dimension – zu Beginn unseres Jahrhunderts in Marzahn-Nord wiederholt hat.
Die Nagelprobe für die Tragfähigkeit der in manchen Augen rein verwaltungspolitischen Entscheidung der Preußischen Landesversammlung vom April 1920 waren auch in unserer Region die 1920er Jahre, die Zeit der Weimarer Republik. Diese Zeit ist immer noch Gegenstand heftiger geschichtspolitischer Auseinandersetzungen. Monika Rank untersucht die in jenen Jahren auch im späteren Marzahn-Hellersdorf spürbaren Fortschritte im Wohnungsbau, in der Schulpolitik – in Kaulsdorf etablierte sich ein bis in die USA aufmerksam registriertes Reformprojekt –, bei der Entwicklung der sozialen Einrichtungen bis hin zur verkehrlichen Infrastruktur und zum Handel. Constanze Lindemann richtet ihr Augenmerk auf die Entwicklung der von Anbeginn als Gesamtberliner Einrichtung fungierenden „Heil- und Pflegeanstalt Wuhlgarten“, dem späteren „Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus“. Schwerpunkt ihres Beitrages sind die in der NS-Zeit auch in der Biesdorfer Einrichtung erfolgten massenweisen Krankenmorde im Rahmen des sogenannten „Euthanasie“-Programms der Nazis. Ein ganz anderes Thema spricht Oleg Peters an. Er untersucht in seinem Beitrag die Entwicklung Marzahn-Hellersdorfs als Industriestandort. Dabei spannt er den Bogen vom Hobrecht-Plan, der zur Anlage der städtischen Rieselfelder führte, bis hin zur gegenwärtigen Entwicklung des CleanTech Business Parks an der Bitterfelder Straße, dem mit 90 Hektar Gesamtfläche größten Industrieareal Berlins.
Mit technischen Innovationen, die eng mit Marzahn-Hellersdorf verbunden sind, befassen sich Christa Hübner und Jürgen Wolf. Christa Hübner legt eine Darstellung der Biografie und der Forschungen Franz Carl Achards vor, dessen Todestag sich 2021 zum 200. Male jährt. Achard entwickelte in Kaulsdorf die Grundlagen der industriellen Herstellung von Rübenzucker. Jürgen Wolf wiederum, langjähriger Marzahner Müller, schildert die von ihm in den Jahren zwischen 2006 und 2017 vorgenommenen Grabungsarbeiten auf dem Gelände der ehemaligen Trillerschen Mühle an der heutigen Allee der Kosmonauten. Es gelang ihm, die Überreste von Berlins ältestem Windkraftwerk, dessen Geschichte er auch nachzeichnet, zu bergen. Es ist sehr zu wünschen, dass seine Arbeiten eine qualifizierte Fortsetzung finden. Karl-Heinz Gärtners Beitrag hingegen beschäftigt sich mit einem aufgrund technischer und politischer Entwicklungen im Kommunikationsbereich fast abgeschlossenen Kapitel der Mahlsdorfer Kulturgeschichte, mit der Geschichte des dortigen Postwesens – einem wichtigen Bestandteil der kommunalen Infrastruktur, das einem in der Regel erst auffällt, wenn wieder einmal eine Post-Filiale nicht mehr vorhanden ist.
Zu den vielen Ausstellungen, die durch die erwähnten Corona-Beschränkungen erheblich an Resonanz litten, gehört auch die Sonderausstellung „Mahlsdorf bleibt Mahlsdorf“ unseres Bezirksmuseums, die sich mit einer lokalen Legende beschäftigte, dem Mahlsdorfer Heimatforscher und Poeten Paul Großmann. Annette Kio Wilhelm, Kuratorin der Ausstellung, hat in einem anregenden Essay das Leben dieses oft zitierten, aber als Persönlichkeit kaum bekannten Lokalhistorikers beschrieben. Natürlich zitiert sie auch einige seiner poetischen Erzeugnisse. Christa Hübner hat eine kleine Blütenlese der Mahlsdorf-Gedichte von Paul Großmann zusammengestellt, die sicherlich eine begeisterte Leserschar – bestimmt nicht nur in Mahlsdorf – finden werden. Die dichterische Qualität möge jede und jeder für sich beurteilen.
Der Filmpublizist Klaus-Dieter Felsmann stellt in einer Untersuchung über den DEFA-Film als „Quelle zeitgeschichtlicher Deutung“ – so der Untertitel seines Buches – fest, dass die „Filmemacher der DEFA den unisono erhobenen Anspruch, über die sie umgebende gesellschaftliche Realität mit größtmöglicher Wahrhaftigkeit zu erzählen, in ihren Arbeiten umgesetzt“4 hätten. Das gilt mit Abstrichen auch für die Filmproduktion des DDR-Fernsehens, vor allem für dessen Krimi-Reihen. Wolfgang Brauer hat sich unter diesen Gesichtspunkten die Widerspieglung Marzahn-Hellersdorfs in Filmen der Reihe „Polizeiruf 110“ vorgenommen und stieß auf in unterschiedlichen Zeiten mehrfach gebrochene Realitäten.
Gleichsam in Fortsetzung ihrer in Heft 9 unserer „Beiträge zur Regionalgeschichte“ veröffentlichten Untersuchungen zur Geschichte der Schulstandorte unseres Bezirkes legt Renate Schilling eine Übersicht über die Entwicklung der Kindereinrichtungen Marzahn-Hellersdorfs seit den 1970er Jahren vor. Auch hier sind Gewinn und Verlust deutlich ablesbar. Wie im vorjährigen Jahrbuch angekündigt, veröffentlichen wir in diesem Band eine Chronik des Jahres 2019, diesmal ergänzt um eine Übersicht der im Bezirk stattgefundenen Ausstellungen zu Kunst und Geschichte.
Die Herausgeber hoffen sehr, dass unser diesjähriger historischer Almanach vielfältige Verbreitung findet. Wir danken allen Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge, ebenso den Persönlichkeiten und Institutionen, die uns die Nutzung ihrer Bildquellen gestatten. Mein Dank gilt dem Redaktionsteam und allen, die uns mit Rat und Tat zur Seite standen, besonders den Mitarbeiterinnen des Bezirksmuseums. Ebenso danken wir Waldemar-Vicenty Seifert für die wie immer ausgezeichnete Gestaltung. Wir danken dem Senator für Kulturelle Angelegenheiten und dem Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf von Berlin für die finanzielle Unterstützung bei der Herstellung unseres Jahrbuches. Für Hinweise, Kritiken und Vorschläge, natürlich auch für Bild- und Textangebote für das „Historische Jahrbuch Marzahn-Hellersdorf 2021“ sind wir dankbar.
Wolfgang Brauer
Vorsitzender des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf e.V.
Berlin-Biesdorf, 1. Dezember 2020
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1 Andreas Ludwig/Gernot Schaulinski, Metropole Berlin. Traum und Realität 1920/2020, Berlin 2020, S. 132.
2 Ebenda.
3 Maritta Tkalec, Adolf Wermuth: Der Berlin-Groß-Macher, in: Berliner Zeitung vom 2. März 2020.
4 Klaus-Dieter Felsmann, Inszenierte Realität. DEFA-Filme als Quelle zeitgeschichtlicher Deutung, Berlin 2020, S. 28 f.
Jahrbuch 2019
Nr.1 Historisches Jahrbuch Marzahn-Hellersdorf 2019




















