Jahrbuch 2025

Inhalt

Ostertag Olaf Michael Vorwort 5
Schilling Renate Die Entstehung unserer Dörfer seit dem hohen Mittelalter 11
Langer André Die Grabungen auf dem ehemaligen Gut Biesdorf 2017 und 2018 28
Miltenberger Ralf Die Grabungen auf dem ehemaligen Gut Biesdorf 2017 und 2018 28
Gärtner Karl-Heinz Der lange Weg nach Groß-Berlin 1850-1920 46
Hänel Volkmar Zwischen Kreuz und Hakenkreuz 62
Leutner Klaus Kindermorde in der „Städtische[n] Nervenklinik für Kinder“ in Berlin-Wittenau 78
Leutner Klaus Das Geheimnis um das Grab von Błażej Stolarski auf dem Parkfriedhof Marzahn 84
Pritzlaff Gerhard Von der Berliner Gartenschau zu den Gärten der Welt 90
Hertzsch Eva Vom Abriss über Brachen zur "Laborschule Berlin" als Schule der Zukunft für Hellersdorf 106
Page Adam Vom Abriss über Brachen zur "Laborschule Berlin" als Schule der Zukunft für Hellersdorf 106
Klee Joachim 25 Jahre Turmmuseum der Jesuskirche in Berlin-Kaulsdorf 118
Heimbach Daniel Urban Authenticity Marzahn-Hellersdorf 124
Matthis Axel "Das war der totale Vertrauensbruch". Zum nachverdichtenden Wohnungsbau in der Großsiedlung Hellersdorf 132
Eisentraut Wolf R. Altes Rathaus in Marzahn-Geschichte und Zukunft 140
Reise Claas 35 Jahre Heimatverein Marzahn-Hellersdorf e.V. 154
Schilling Renate Chronik 2024 160
Schilling Renate Chronik 2025 160
Suckow Ninon Register der Jahrbücher des Heimatvereins von 2019 bis 2025 171

Vorwort

Werte Leserinnen und Leser,

mit dem vorliegenden Band des „Historischen Jahrbuchs Marzahn-Hellersdorf 2025“ möchte Sie der Heimatverein auf eine Reise durch die Zeiten mitnehmen, von den Anfängen menschlicher Aktivitäten in unserer Gegend über die Besiedlung und Gegenwart bis hin zu Ausblicken in die (nähere) Zukunft. Dieses Buch versammelt erneut eine Reihe von Aufsätzen, die zum Teil auf Vorträgen basieren, die auf unserem „Tag der Regional- und Heimatgeschichte 2025“ gehalten wurden, zum Teil eigens für diese Sammlung geschrieben worden sind.

Wenn von Marzahn-Hellersdorf die Rede ist, entsteht oft das Bild der Großsiedlungen vor Augen. Sie prägen den Eindruck, und da sie von der DDR errichtet wurden, hängt ihnen das Wort „Plattenbauten“ wie zum Makel an. Verwendet man hingegen gewähltere Ausdrücke wie „modulare Bauweise“, scheint die Modernität und Vorbildhaftigkeit durch, die diese Bauten in ihrer Zeit hatten und noch haben. Da die ersten von ihnen erst 1979 bezugsfertig wurden und die gesamten 1980er Jahre hindurch mehr und mehr dazukamen, unterliegt man leicht dem Irrtum, dass unser Bezirk einer der neuesten von Berlin sei. In Wahrheit haben Menschen die Gegend um die Wuhle schon vor etwa elftausend Jahren durchstreift.

Eines der ältesten Zeugnisse davon ist die Hirschmaske, die 1953 bei Ausschachtungsarbeiten in Biesdorf-Süd gefunden und auf einen Zeitraum zwischen 8770 und 8570 v. Chr. datiert wurde[1]. Sie stammt damit aus dem Mesolithikum, der Mittelsteinzeit, in der die nacheiszeitliche Tundra durch eine langsame Erwärmung einer dichten Vegetation wich. Welchem Zweck die Maske diente, ist umstritten. Geweihkopfschmuck ist zwar aus schamanischen Zusammenhängen gut dokumentiert, jedoch sind eindeutige Belege für einen solchen Gebrauch sehr viel jünger.

An Flüssen wie der Wuhle lauerten Jäger (und wohl auch Jägerinnen) den Rentierherden auf, die hier eine Furt passierten. Die ursprünglich nomadischen Kulturen hatten hier vorübergehende Lager, die jedoch mit der Ausbreitung des Waldes und damit der Veränderung der Nahrungsgrundlage von Zugwild zu Standwild (wie Hirsch und Wildschwein) mit der Zeit zu ortsfesten Ansiedlungen wurden.[2]

Da diese Jäger und Sammler zwar Steingeräte und Bildwerke anfertigten, aber noch keinen Ackerbau betrieben und keine Keramik brannten, kann durchaus diskutiert werden, ob hier bereits die Siedlungsgeschichte beginnt, oder ob es sich um Zeugnisse von Menschen „auf der Durchreise“ handelte. Zweifelsfrei sind dauerhafte Ansiedlungen erst ab dem ausgehenden vierten Jahrtausend v. Chr., dem Neolithikum oder der Jungsteinzeit, in unserem Bezirk dokumentiert. Zuvor hatten bäuerliche Siedler die waldreichen und sandigen Höhen des Barnim und Teltow gemieden. Erst die Angehörigen der sogenannten Trichterbecherkultur (etwa 4.200 v. Chr. bis 2.800 v. Chr.) nutzten die aufgelockerte Niederungsvegetation der kleinen Spreezuflüsse. In Hellersdorf wurden als Zeichen ihrer Anwesenheit fast ein Dutzend Steinbeile und -äxte gefunden.

Wesentlich zahlreicher sind die Funde aus der Bronzezeit (1.800 – 600 v. Chr.), in der günstige klimatische Bedingungen einen erheblichen Bevölkerungszuwachs brachten. Der Berliner Raum lag im Einzugsgebiet der sogenannten Lausitzer Kultur, allerdings in einer unmittelbaren Grenzsituation zur benachbarten nordischen Kultur, deren Einfluss sich stark bemerkbar machte. Die Menschen der Lausitzer Kultur verbrannten ihre Toten, setzten sie in Urnen bei und gaben diesen persönliche Gegenstände, wie z. B. Schmuck mit. Mehrere Fundstellen in Mahlsdorf dokumentieren Gräberfelder aus dieser Zeit. Deutlich geringer ist die Zahl der Funde aus der sich anschließenden Eisenzeit.

Aus der römischen Kaiserzeit (27 v. Chr. bis, je nach Definition, 284 oder 476 n. Chr.)sind die ersten schriftlichen Berichte über germanische Gruppen im Elbe-Havel-Gebiet übermittelt. Tacitus erwähnt den Stamm der Semnonen, der unser Gebiet bewohnt haben soll und als Kern des Suebenverbandes galt. Am Hellersdorfer Schleipfuhl wurden Teile einer germanischen Siedlung aus dem 3. bis 5. Jahrhundert nach der Zeitrechnung freigelegt und gaben Einblick in die damaligen Dorfstrukturen und die Wirtschaftsweise mit mehreren Gehöften.

Im 4. Jahrhundert setzten erhebliche Veränderungen ein, die als Völkerwanderung bezeichnet werden. Wahrscheinlich ausgelöst durch den Sieg der Hunnen über die Goten auf der Krim, wanderten diese nach Westen und zogen dabei zahlreiche Völker mit sich oder trieben sie vor sich her. Auch aus unserem Gebiet wanderten die Germanen ab, allerdings erst nach und nach (über die tatsächlichen Ursachen fehlen noch genaue Erkenntnisse). Am Schleipfuhl siedelten sie noch bis mindestens Ende des 5. Jahrhunderts, wie Funde aus dem Jahr 1984 belegen. Dennoch waren die Gebiete im 8. Jahrhundert fast menschenleer, als sich aus verschiedenen Richtungen kommend die ersten slawischen Siedler hier niederließen.[3]

An dieser Stelle beginnt die Reise unseres Buches. Frau Dr. Renate Schilling beschreibt „Die Entstehung unserer Dörfer seit dem hohen Mittelalter bis ins 16. Jahrhundert“, gibt Einblick in die Besiedlung unserer Dörfer durch Adel, Kirche, Bürger und Bauern (was letztlich die Unterwerfung der Slawen durch die Askanier bedeutete, aber nicht gut zu belegen ist) und liefert zahlreiche Fakten zur Siedlungsgeschichte in Tabellenform.

Dass bei Ausgrabungen gleichzeitig Artefakte aus verschiedensten Epochen zu Tage gefördert werden und sorgfältig gegeneinander abgegrenzt werden müssen, dokumentieren Ralf Miltenberger und André Langer von „archäologie bnb“, einer Spezialfirma, die 2017 und 2018 Ausgrabungen auf dem ehemaligen Gut Biesdorf durchführte und dabei in der Hauptsache Neuzeitliches entdeckte.

Karl-Heinz Gärtner schließt sich an mit einer Betrachtung des „Langen Wegs nach Groß-Berlin“, in dem er die Befindlichkeiten der Bevölkerung in den Dörfern zwischen 1850 und 1920 nachzeichnet und sich auch selbst in die Lage einiger Bewohner aus dieser Zeit versetzt. Dabei fördert er auch Neues zu Tage wie die Biografie des jüdischen Kaufmanns Isidor Schneidermühl, der in Biesdorf zum Gemeindevorsteher gewählt wurde und auch eine Postagentur unterhielt.

Im Auftrag des Gemeindekirchenrats der Evangelischen Kirchengemeinde Kaulsdorf hat Volkmar Hänel seine Studie „Zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ vorgelegt, aus deren II. Kapitel wir hier dankenswerterweise einen Auszug abdrucken dürfen. Mit der „Gleichschaltung“ 1933 bereits in den ersten Tagen nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler sollten auch die Kirchengemeinden über den Druck der „Deutschen Christen“ zur unbedingten Regimetreue umgeformt werden. Dass dies in Kaulsdorf nicht wirklich gelang, ist vor allem dem Wirken des Pfarrers Heinrich Grüber zu verdanken, dem die Treue zum Bekenntnis über allem stand und der sich nach und nach, erst „nur“ den Eingriffen des NS-Staates in Kirche und Bekenntnis, aber schließlich dem nationalsozialistischen Regime widersetzte.

Der Privatgelehrte Klaus Leutner stellt uns Schicksale von während des Naziregimes in Marzahn beerdigten Opfern vor. Er lüftet zum einen „Das Geheimnis um das Grab von Błażej Stolarski auf dem Parkfriedhof Marzahn“, einem polnischen Parlamentspräsidenten, der von Nationalsozialisten ermordet und – was bislang von der bezirklichen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt blieb – auf dem Marzahner Parkfriedhof bestattet wurde. Zum anderen beschreibt er „Kindermorde in der Städtischen Nervenklinik in Berlin-Wittenau“, ein besonders düsteres Kapitel, das ebenfalls durch das Vorhandensein von Gräbern mit unserem Bezirk verbunden ist.

Einen großen Abstand zum Vorgenannten hat die bewegte Geschichte der „Gärten der Welt“ von den Anfängen der „Berliner Gartenschau“ bis heute. Deren Bedeutung für unseren Bezirk wird vom Vorsitzenden des „Vereins der Freunde der Gärten der Welt“, Gerhard Pritzlaff, mit zahlreichen Bilddokumenten nachgezeichnet. Bei der Überführung der Gärten in die Nachwendezeit hat sich auch bewiesen, dass auf Vorhandenem aufgebaut werden kann, ohne zerstörerische Eingriffe in die Substanz vorzunehmen.

Ganz anders erging es dagegen unserer Kita- und Schulinfrastruktur. Das eigentlich für den Abriss von Wohnbauten aufgelegte Bundesprogramm „Stadtumbau Ost“ – ein äußerst fragwürdiger Euphemismus – wurde in Marzahn-Hellersdorf für den Abriss von Kitas und Schulen eingesetzt. Realer Leerstand und die Prognose, dass sich die Bevölkerungsabnahme verstetigen würde, führten zum Totalabriss, der rückblickend als Fehler erscheint. Eine Geschichte, die uns mit Blick auf die heute dringend benötigte Schulinfrastruktur immer wieder ärgert, aber vielleicht auf die eine oder andere Weise zu einem versöhnlichen Ende finden kann: Eva Hertzsch und Adam Page von der „station urbaner kulturen“ führen uns „Vom Abriss über Brachen zur ›Laborschule Berlin‹ als Schule der Zukunft für Hellersdorf“. Wie Architektur die pädagogischen Konzepte beeinflussen kann, ist ein Aspekt, der mehr Aufmerksamkeit verdient.

Denn die uns umgebenden Orte haben wiederum eine große Wirkung auf uns und unsere Betrachtung der Welt. Welche Bedeutung verschiedene Orte in Marzahn-Hellersdorf für jede und jeden Einzelnen von uns haben können, wie unterschiedlich sie betrachtet werden und mit welcher Bedeutung sie aufgeladen (oder abgewertet) werden können, beleuchtet der Museumspädagoge Daniel Heimbach in „Urban Authenticity Marzahn-Hellersdorf“ und führt uns damit in die Gegenwart.

2025 markierte das 25jährige Jubiläum des Turmmuseums der Jesuskirche Kaulsdorf. Dessen Leiter, Joachim Klee, beschreibt aus diesem Anlass die Restauration der Turmspitze und die Konzeption der Dauer- und Wechselausstellungen seiner Einrichtung. In der bezirklichen Geschichtskultur ist sie ein besonderes Kleinod und wärmstens zum Besuch zu empfehlen.

In die unmittelbare Zukunft wiederum verweist Axel Matthies mit seiner Streitschrift „Das war der totale Vertrauensbruch“, in der er gegen die Vorhaben der baulichen Nachverdichtung leidenschaftlich argumentiert.

Wohingegen Prof. Dr. Wolf R. Eisentraut bei der Beschreibung „Altes Rathaus in Marzahn – Geschichte und Zukunft“ einen durchaus positiv stimmenden Blick in die Zukunft wirft und sich auf eine gelungene Sanierung und in deren Folge die Wiederinbesitznahme des Rathauses am Helene-Weigel-Platz durch die Marzahner Bürgerinnen und Bürger freut.

Der 21. Januar 2026 markiert das 35jährige Jubiläum des Heimatvereins, da an diesem Datum 35 Jahre zuvor einer unserer beiden Vorgängervereine, der „Heimatverein Hellersdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf e.V.“ gegründet wurde. Auf der Arbeit unserer früheren stellvertretenden Vereinsvorsitzenden, der leider viel zu früh verstorbenen Frau Dr. Christa Hübner, aufbauend, beschreibt Claas Reise den Bogen vom damaligen Beginn bis in die Gegenwart.

Es schließt sich die von Renate Schilling zusammengetragene Chronik der Jahre 2024 und 2025 an. Eine von Ninon Suckow erstellte Auflistung der in den „Historischen Jahrbüchern“ seit 2019 erschienen Artikel rundet diesen Band ab.

Einen besonders großen Dank möchte ich an dieser Stelle Frau Schilling, Herrn Reise und Herrn Lutz Gutsche aussprechen, die mit mir diesen Band redaktionell verantworten. Ebenso gebührt Frau Kerstin Reise ein herzlicher Dank für das Korrektorat und Frau Vija Kasparson für das Layout. Eine spannende, lehrreiche und anregende Lektüre wünscht Ihnen im Namen der gesamten Redaktion.

Olaf Michael Ostertag

Vorsitzender des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf e. V.

Berlin, April 2026

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Hirschgeweihmaske_von_Berlin-Biesdorf, abgerufen am 05.02.2026.

[2]U. Michas, Bodendenkmalpflege im ehemaligen Bezirk Hellersdorf, in: Die Denkmale in Berlin Marzahn-Hellersdorf. Kaulsdorf – Mahlsdorf – Hellersdorf, ( Hrsg.) Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf, Berlin, 2002.

[3]Ebd., S. 37.